Menasses Tatsachenphantasien


Er schenkte das Glas voll. Trink, sagte er. Die Welt dreht sich weiter. Der Tanz findet jede Nacht statt, auch heute. Gerade und gewundene Wege laufen aufs selbe hinaus; wo du nun einmal hier bist, was zählen da noch die Jahre, seit wir uns nicht mehr gesehen haben? Der Mensch hat ein schwaches Gedächtnis; was geschehen ist, unterscheidet sich nur wenig von dem, was nicht geschehen ist.

Judge Holden in Cormack McCharty, „Blood Meridian/Abendröte im Westen“

Erst kürzlich hat ja der demütige Erzähler seiner erlauchten, elitären Leserschaft den vom ihm überaus geschätzten Alfred Döblin vorgestellt, welcher im frühen zwanzigsten Jahrhundert versuchte, inspiriert durch Dadaismus und Expressionismus, einen neuen literarischen Erzählstil zu kreieren, den er als „Kinostil“ bezeichnete. Sein genialisch-monströser Roman „Wallenstein“ zeichnete sich zudem dadurch aus, dass im Verlauf des Erzählens der Rahmen der Historie verlassen, bzw. in in phantasmagorisch-grotesken Szenarien aufgelöst wird, die dann aber wieder gerade eben dadurch das Ungeheuerliche einer blutig-transformatorischen Epoche wie der des dreißigjährigen Krieges dem Leser vor Augen führen, so wie es etwa ein Mensch dieser Zeit erlebt haben mag, für den sich alles bislang Vertraute im Ungeheuerlichen und Bodenlosen auflöste, in welchem dann sämtliche biblischen und sonstig überlieferten Schrecken reale Gestalt annahmen. In solchen Zeiten werden gemeinhin allerhand Wunderdinge gesehen und erzählt und vielleicht ging ja auch die Kunde davon, dass der Habsburgerherrscher Ferdinand der Zweite seinen Sitz verlassen habe, um als Vagabund durch das Hieronymus-Bosch-Szenario der toten Lebenden und lebenden Toten zu irren und, wie weiland König Gilgamesch, mit einem haarigen Tiermenschen im Wald zu tanzen, so wie bei Döblin beschrieben? „Tatsachenphantasien“ nannte jener das.

Womit wir bei Robert Menasse wären. War Döblin eher tatsächlich Avantgarde, so haben wir es bei Menasse mit einem der vorgeblichen Großintellektuellen zu tun, die tatsächlich nichts anderes als gemästete, fette Maden in Kulturbetrieb und Propandabteilung des Herrschaftsapparats darstellen, sich dabei jedoch spermanent in avantgardistisch-rebellischer Pose inszenieren. Bäh, ekelhaft und daher von eurem demütigen Erzähler bislang gemieden. Nachdem sich die Molasse, äh, der Menasse jedoch gleichfalls auf in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerte Weise als „Tatsachenphantast“ geoutet hat bzw. worden ist, muss leider auch der Erzähler in aller Demut konstatieren, dass er nicht mehr an diesem Schwergewicht vorbeikommt.

Gut, zunächst erschien es dem Erzähler ein büschen viel der Aufregung um den Umstand, dass Melasse, äh, Menasse, in seinem klar als SATIRE ausgewiesenen Roman „Die Hauptstadt“ historische Ereignisse zusammenfabulierte, die so nie stattgefunden und historischen Personen Aussagen in den Mund gelegt hat, die diese nie getätigt hatten, wenn auch im Bezug auf Dinge, an denen sich schon mancher gewaltig die Griffel verbrannt hat.

So ließ der überzeugte obgleich, natürlich, kritische EU-Europäer Menasse im Roman den ersten Vorsitzenden der EU-Kommission, den CDU-Politiker Walter Hallstein, 1958 auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz seine Antrittsrede halten um damit, nach eigener Aussage, aufzuzeigen, wohin der Nationalismus in letzter Konsequenz führe und wie die EU-Kommission das schon 1958, ihrer Zeit weit voraus, erkannt und verinnerlicht habe. So watt, Roman, Satire, döblinsche Tatsachenphantasie also und keine relotorischen falschen Tatsachen, Fall geschlossen.

Leider ist es nicht ganz so einfach. Wie der vom Erzähler ansonsten mitnichten geschätzte FAZke Patrick Bahners in einem für die postfaktische Relotiuspresse recht ordentlichen Artikel dargelegt hat, verhält es sich nämlich dergestalt, dass der Herr Melasse zu diversen Anlässen wiederholt sowohl Fake-Zitate als auch seine „satirischen“ Fake-History-Szenarien dreist als geschichtliche Realität dargestellt hat:

Doch auch bei anderen Gelegenheiten, in nicht-fiktionaler Rede, hat Menasse die Behauptung verbreitet, Hallstein habe 1958 in Auschwitz gesprochen. So am 23. September 2017 im Frankfurter Literaturhaus, laut Protokoll im Branchenmagazin „Buchmarkt“: „Der Ausgangspunkt ist ‚Nie wieder Auschwitz‘. Der erste Vorsitzende der Kommission war Walter Hallstein. Seine Antrittsrede hielt er in Auschwitz. Dass die Europäische Kommission die Antwort auf Auschwitz ist, wird in Deutschland oft vergessen.“

Bahners weiter zu der historischen Dimension der menasseschen Tatsachenphantasterei und einer Journallie, der man wirklich alles erzählen kann:

Walter Hallstein ist bekannt als Erfinder einer Doktrin, mit der die Anerkennung der DDR verhindert werden sollte. Dass mitten im Kalten Krieg dieser erste oberste Beamte des westeuropäischen Staatenbundes seine Antrittsrede auf dem Boden der Volksrepublik Polen gehalten haben könnte, ist viel unwahrscheinlicher als jedes erlogene Augenzeugnis von Claas Relotius. Es ist, nach allen Maßstäben historischen Wissens und historischer Logik, schlicht unmöglich. Aber keiner der Interviewer, denen Menasse das Märchen erzählte, fragte nach.

Zur „Aufdeckung“ der offenen Geschichtslügen brauchte es dann schon einen gestandenen Historiker:

Der Ruhm der Entdeckung, dass Menasse eine Hallstein-Legende in die Welt gesetzt hat, gebührt dem Historiker Heinrich August Winkler. Im „Spiegel“ enthüllte er im Oktober 2017, dass Menasse aus einer tatsächlich gehaltenen Rede Hallsteins mehrfach Sätze zitierte, die dort nicht stehen. Eine Enthüllung, die ohne Resonanz blieb, bis die „Welt“ vor ein paar Tagen auf die Sache zurückkam.

Interessant nun die Reaktion Menasses:

Menasse leugnete die Erfindungen der Zitate nicht und brachte zur Rechtfertigung zwei aberwitzige Argumente vor. Erstens seien die Zitate dem Sinn nach korrekt. „Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.“ Und zweitens sei sein freihändiger Umgang mit Quellen tatsächlich „nicht zulässig – außer man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist“.

Bahners zieht daraus die richtigen Schlüsse:

Aber wenn ein Dichter in einer Rede historische Tatsachen referiert, erwartet man nicht Erdichtetes. Und bei den ausgedachten Hallstein-Sätzen ist das Wörtliche nicht das Geringste. Menasse behauptete nämlich mehrfach, kein Politiker würde sich heute trauen, sie wieder so zu formulieren.

Und folgert weiter, dass Menasse „mit dem Äußersten“ gespielt habe, denn Auschwitz sei eine Tatsache, mit der man nicht spiele – nur um sich darauf in Schwurbelnebel zu hüllen, die Lügen Menasses werden zum „Bluff“ und „die Geschichte von Auschwitz als Gründungsmythos der EU“ erweise sich, äh, bitte anschnallen, „als ein Fall von therapeutisch induzierter wiedergewonnener Erinnerung, deren Fiktionalität in Kauf genommen wird“, puuuh. Menasse sei ob der Vergesslichkeit des „europäischen Volkes“ ob Auschwitz und des Holocaust derart verzweifelt gewesen, dass er aus therapeutischen Gründen zum Geschichtshoax gegriffen habe, um diese Dinge wieder ins Bewusstsein zu rufen.

In der Tat, es fehlen einem die Worte, um auszudrücken, wie „wordy“ und „edgy“ einem Begriffe wie „Bluff“ oder „Hoax“ im Zusammenhang mit Auschwitz erscheinen, man mag es gar nicht mehr weiter denken. Nicht zu reden davon, welch dunklen Honig oder gar schwarze Milch die Geisteskrüppel aus dem Fanclub des Volksleerers oder das von dem selbigen beworbene Altnazi-Gammelfleisch, wie etwa Alfred Schäfchen, Urschel Haberbock oder Gerd Igittner, daraus saugen könnten! All die Heroen der Spackosphäre, die Vitzibutzis, Prostatanten, Franksteins! Die Morgenwächter, welche, wohl im Gegensatz zu Bahners, ihren MacDonald gelesen haben, der ausführlichst die angebliche orientalische Fabulierkunst des Winkelvolkes erörtert hat, dessen mosaischer Geist die Stammesleute dazu befähige, ihre Phantastereien auch tatsächlich zu glauben und daraus praktische Handlungsanweisungen abzuleiten! Wie höre ich sie johlend triumphieren ob eines solchen „Spectre-Moments„!

Als ob das noch nicht gereicht hätte:

»„Was schreibst du da?” fragte der Rabbiner. „Geschichten”, antwortete ich. Er wollte wissen, welche Geschichten: „Wahre Geschichten? Über Menschen, die du kanntest?”. Ja, über Dinge die passierten, oder hätten passieren können. „Aber sie passierten nicht?” Nein, nicht alle. Tatsächlich waren einige davon erfunden vom Anfang bis zum Ende. Der Rabbiner beugte sich nach vorn als nehme er Maß an mir und sagte, mehr traurig als ärgerlich: „Das bedeutet, daß du Lügen schreibst!” Ich antwortete nicht sofort. Das gescholtene Kind in mir hatte nichts zu seiner Verteidigung zu sagen. Dennoch, ich mußte mich rechtfertigen: „Die Dinge liegen nicht so einfach, Rabbiner. Manche Ereignisse geschehen, sind aber nicht wahr. Andere sind wahr, finden aber nie statt”.«

Elie Wiesel in Legends of Our Time, Schocken Books, New York, 1982,

Nachtrag:

Welche Konsequenzen diese Art von „Satire“ und Tatsachenphantasterei haben kann, sieht man am Beispiel von Helmut Kohl, der immer noch als „Talmudjude“ „Enoch Kohn“ durchs Weltnetz geistert, weil so ein Scherzkeks von einem Schreiberling derartiges zum Gegenstand einer Satire, „Der Stellvertreter“, gemacht hat. Und dann kommt irgendein Vitzibutzi-Hobbyjudaistiker mit seiner „Galizischen Liste“ daher und findet darauf den Namen der Mutter des dicken Pfälzers, der auch einen jüdischen Ritualgegenstand bezeichnet, und die Spackosphäre hat Futter. Oder legt es gar jemand genau darauf an?

Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch

Auf den Viehstraßen bläst der Wind, es regnet. Rinder blöken, Männer treiben eine große brüllende, behörnte Herde. Die Tiere sperren sich, sie bleiben stehen, sie rennen falsch, die Treiber laufen um sie mit Stöcken. Ein Bulle bespringt noch mitten im Haufen eine Kuh, die Kuh läuft rechts und links ab, der Bulle ist hinter ihr her, er steigt mächtig immer von neuem an ihr hoch.
Ein großer weißer Stier wird in die Schlachthalle getrieben. Hier ist kein Dampf, keine Bucht wie für die wimmelnden Schweine. Einzeln tritt das große starke Tier, der Stier, zwischen seinen Treibern durch das Tor. Offen liegt die blutige Halle vor ihm mit den hängenden Hälften, Vierteln, den zerhackten Knochen. Der große Stier hat eine breite Stirn. Er wird mit Stöcken und Stößen vor den Schlächter getrieben. Der gibt ihm, damit er besser steht, mit dem flachen Beil noch einen leichten Schlag gegen ein Hinterbein. Jetzt greift der eine Stiertreiber von unten um den Hals. Das Tier steht, gibt nach, sonderbar leicht gibt es nach, als wäre es einverstanden und willige nun ein, nachdem es alles gesehn hat und weiß: das ist sein Schicksal, und es kann doch nichts machen. Vielleicht hält es die Bewegung des Viehtreibers auch für eine Liebkosung, denn es sieht so freundlich aus. Es folgt den ziehenden Armen des Viehtreibers, biegt den Kopf schräg beiseite, das Maul nach oben.
Da steht der aber hinter ihm, der Schlächter, mit dem aufgehobenen Hammer. Blick dich nicht um. Der Hammer, von dem starken Mann mit beiden Fäusten aufgehoben, ist hinter ihm, über ihm und dann: wumm herunter. Die Muskelkraft eines starken Mannes wie ein Keil eisern in das Genick. Und im Moment, der Hammer ist noch nicht abgehoben, schnellen die vier Beine des Tieres hoch, der ganze schwere Körper scheint anzufliegen. Und dann, als wenn es ohne Beine wäre, dumpft das Tier, der schwere Leib, auf den Boden, auf die starr angekrampften Beine, liegt einen Augenblick so und kippt auf die Seite. Von rechts und links umwandert ihn der Henker, kracht ihm neue gnädige Betäubungsladungen gegen den Kopf, gegen die Schläfen, schlafe, du wirst nicht mehr aufwachen. Dann nimmt der andere neben ihm seine Zigarre aus dem Mund, schnauzt sich, zieht sein Messer ab, es ist lang wie ein halber Degen, und kniet hinter dem Kopf des Tieres, dessen Beine schon der Krampf verlassen hat. Kleine zuckende Stöße macht es, den Hinterleib wirft es hin und her. Der Schlächter sucht am Boden, er setzt das Messer nicht an, er ruft nach der Schale für das Blut. Das Blut kreist noch drin, ruhig, wenig erregt unter den Stößen eines mächtigen Herzens. Das Rückenmark ist zwar zerquetscht, aber das Blut fließt noch ruhig durch die Adern, die Lungen atmen, die Därme bewegen sich. Jetzt wird das Messer angesetzt werden, und das Blut wird herausstürzen, ich kann es mir schon denken, armdick im Strahl, schwarzes, schönes, jubelndes Blut. Dann wird der ganze lustige Festjubel das Haus verlassen, die Gäste tanzen hinaus, ein Tumult, und weg die fröhlichen Weiden, der warme Stall, das duftende Futter, alles weg, fortgeblasen, ein leeres Loch, Finsternis, jetzt kommt ein neues Weltbild. Oha, es ist plötzlich ein Herr erschienen, der das Haus gekauft hat, Straßendurchbruch, bessere Konjunktur, er wird abreißen. Man bringt die große Schale, schiebt sie ran, das mächtige Tier wirft die Hinterbeine hoch. Das Messer fährt ihm in den Hals neben der Kehle, behutsam die Adern aufgesucht, solche Ader hat starke Häute, sie liegt gut gesichert. Und da ist sie auf, noch eine, der Schwall, heiße dampfende Schwärze, schwarzrot sprudelt das Blut heraus über das Messer, über den Arm des Schlächters, das jubelnde Blut, das heiße Blut, die Gäste kommen, der Akt der Verwandlung ist da, aus der Sonne ist dein Blut gekommen, die Sonne hat sich in deinem Körper versteckt, jetzt kommt sie wieder hervor. Das Tier atmet ungeheuer auf, das ist wie eine Erstickung, ein ungeheurer Reiz, es röchelt, rasselt. Ja, das Gebälk kracht. Wie die Flanken sich so schrecklich heben, ist ein Mann dem Tier behilflich. Wenn ein Stein fallen will, gib ihm einen Stoß. Ein Mann springt auf das Tier herauf, auf den Leib, mit beiden Beinen, steht oben, wippt, tritt auf die Eingeweide, wippt auf und ab, das Blut soll rascher heraus, ganz heraus. Und das Röcheln wird stärker, es ist ein sehr hingezogenes Keuchen, Verkeuchen, mit leichten ab wehrenden Schlägen der Hinterbeine. Die Beine winken leise. Das Leben röchelt sich nun aus, der Atem läßt nach. Schwer dreht sich der Hinterleib, kippt. Das ist die Erde, die Schwerkraft. Der Mann wippt nach oben. Der andere unten präpariert schon das Fell am Hals zurück.
Fröhliche Weiden, dumpfer, warmer Stall.

Alfred Döblin, „Berlin Alexanderplatz

Was der demütige Zitierer damit sagen wollte? Prost Neujahr!

Gruppenstrategisches und literarische Schlachtengemälde im Kinostil bei Alfred Döblin

Der nicht völlig undubiose Säulenheilige der neurechten „White Nationalists“ und sonstiger Rassekaninchenzüchter, US-„Evolutionspsychologe“ Kevin MacDonald, hat seine Hypothese über „evolutionäre Gruppenstrategien“ am Beispiel des Judentums ausführlich in seiner damit befassten Trilogie erörtert und dabei stets auf dessen „Scharnierfunktion“ zwischen den Eliten der Mehrheitsgesellschaften und dem einfachen Volk hingewiesen. Juden wurden demnach von den Landesherren gezielt als privilegierte Schicht angesiedelt, bzw. strebten schon von sich aus derartige Nischenpositionen an, in der sie gegenüber der Mehrheitsgesellschaft eine gehobene Position einnehmen konnten, beispielsweise als Geldverleiher oder Verwalter herrschaftlicher Ländereien, inklusive Verfügungsgewalt über die Bediensteten und das einfache Landvolk etc., was aber auch mit sich brachte, dass sie oft neben der Scharnier- auch eine Blitzableiterfunktion einnahmen und durchaus in Bedrängnis geraten konnten, wenn die Herrschaft des Landesherren kippte oder dieser ihnen seine Gunst versagte – eine Ursache für die zahlreichen Vertreibungen, die dem schopenhauerschen Winkelvolk im Lauf der Geschichte  widerfahren sind.

Beim „Occidental Observer“, der Internetpräsenz von Kevin MacDonald, war der Erzähler unlängst im Kommentarbereich auf das „Abstract“ einer wissenschaftlichen Abhandlung einer israelischen Universität zu diesem Themenkreis gestoßen, das ihm von einiger Brisanz zu sein schien. Leider hatte er es versäumt, dieses zu bookmarken oder zu speichern, und konnte, als er das ein paar Tage später nachholen wollte, fraglichen Kommentar mit dem Link dazu einfach nicht mehr finden. In dem Abstract ging es darum, dass eine Gruppe oder Ethnie, die selbst in das Territorium einer anderen eingewandert ist und dort eine Fremdherrschaft etablieren will, gut damit beraten wäre, zur Herrschaftssicherung weitere Fremdethnien hereinzuholen und ihnen eine zwar subordinierte, im Verhältnis zur ursprünglichen Mehrheitsgesellschaft aber privilegierte Rolle zuzuweisen. Das Resultat wäre demnach die Herrschaft einer privilegierten Klasse ehemaliger Einwanderer, eine subordinierte Klasse aus weiteren Einwandern anderer Ethnien, und eine völlig entrechtete Urbevölkerung. Nun, es steht jedem frei, angesichts der momentanen Situation in Deutschland und Europa diesbezüglich seinen eigenen Assoziationsblaster anzuwerfen.

Neben dem aktuellen Bezug kam dem demütigen Erzähler dazu unmittelbar der genialische Roman „Wallenstein“ des zum Katholizismus konvertierten, nach Ansicht des Erzählers völlig unterbewerteten und zu Unrecht fast vergessenen (((Unsichtbaren))) Alfred Döblin in den Sinn. Dieses Werk, das die Zeit des dreißigjährigen Krieges wie einen flirrenden, monströsen Fiebertraum vor dem Leser ausbreitet, in dem die bis dato üblichen Formen und Zwänge des Erzählens ebenso gesprengt werden wie der historische Rahmen, der insbesondere gegen Ende in ein wucherndes phantasmagorisches Pandämonium übergeht, zeigt auf fast schon schmerzhaft-einprägsame Weise am Beispiel der von den Habsburgern geschundenen, rebellisch-ketzerischen Böhmen, wie einem entrechteten Volk in einer Art und Weise, die stark an die eben genannte Siedlungspolitik gemahnt, die ultimative Demütigung verpasst wird. Zunächst militärisch niedergeschlagen, dann mit eiserner Faust kujoniert und ausgepresst, müssen sie zusehen, wie den ihnen verhassten Juden, in die Wege geleitet durch die Initiative des in mancherlei Hinsicht interessanten Jacob Bassevi, freie Handels- und Siedlungsrechte gewährt werden:

Als die Judenschaft Prags eine riesige Summe Geldes dem Kaiser vorgestreckt hatte und ihr durch ein besonderes Gnadenerlass gestattet wurde, sich in Böhmen anzusiedeln auf Märkten Städten Dörfern Flecken, wo sie wollte, um Handel und Gewerbe zu treiben, erzitterte der böhmische Volkskörper, eine weißglutende Stange bohrte sich in sein Fleisch. Dies war der größte Schimpf. Nun sollten sie die Bösewichter und Verbrecher unter sich dulden, deren Nährmutter das böse Schwein war, die mit dem Wucherspieß liefen, die das Kreuz schändeten, denen die Falschheit auf der Stirn stand. Ausgesogen das Land, nun sollten sie sich nicht einmal ruhig in ihrer Bettelarmut hintrollen dürfen. Der Giftmord sollte über den reinen Boden des Märtyrers Johann Huß spreizbeinig spazieren, der Brunnentod. Die Sieger hatten dies getan. Wessen sollten sich unschuldige Säuglinge und Kinder versehen von dem übergegorenen Haß dieser Spinnen, dieser uranfänglichen Malefizer. Oh wie sie sich wanden.

Oh, und wie windet man sich heute bei PiPi-News und sonstwo ob des Islams und seiner „Invasoren“ in ohnmächtiger Wut, andere bleiben dagegen eher Oldschool, auch wenn das Gift nicht mehr im Brunnen sondern in der Kaffeekanne beim Vereinsfest lauert!

Ach ja, Döblin. Er weilte in seinem Exil vor der angeblichen, hüstel, „Nicht-Verfolgung“ länger in den USA, war angetan von Hollywood und Trickfilmen, bezeichnete seine unter anderem vom Dadadaismus beeinflusste Schreibe, mit der er, so wie Dekaden später Leute wie Willam S. Burroughs, bewusst mit den tradierten Erzählformen brechen wollte,  als „Tatsachenphantasie“ und „Kinostil“. Und in der Tat, allein diese Schlachtsequenz aus dem genannten, im Jahr 1920 – also noch in der Stummfilm-Epoche und vor dem Aufstieg Hollywoods – veröffentlichten Werk wirkt zumindest auf den Erzähler lebendiger, als sämtliche fahlen CGI-Gewitter, die Hollywood je auf die Menschheit losgelassen hat:

Zweiundsiebzig Geschütze ließ Gustav auffahren gegen den Wald, in dem die Kaiserlichen lagen. Unter grausem Krachen und Prasseln barsten die Stämme. Als die Feinde eine Insel bei Oberndorf fanden, die schrecklichen Finnen, schwammen sie Trupp auf Trupp wie Wasserratten an. Man schlug einige tot, es kamen neue. Schwedische Kanonen fuhren über einer Brücke auf, die niemand über Nacht hatte entstehen sehen. Ein heulender zähnefletschender lehmwühlender Kampf halb im Wasser, halb auf der Erde fing an. Die Schweden Finnen, es waren keine Menschen. Kaum gab es Tiere, die ihnen glichen, wie sie schlammbedeckt, graubraune Hautfarbe, tangtriefend, armschwenkend sich aus dem Wasser erhoben, krumm anwateten, schluckten, kauten, spritzten, pfiffen. Sie waren so schlecht, so ekel, so totschlagwürdig, daß erst zaghaft die Kaiserlichen, die Bauern auf sie eindrangen, geführt gelockt, dann von dem Grimm und der Scham, dem Entsetzen gerufen geworfen: „Um des Heilands willen!“

Sie schrien zu Hunderten und Tausenden, die Kaiserlichen, auf dem überhöhten Ufer des Lechs, als sie das beispiellose kotige regsame Grauen aus dem Wasser auf sich zukommen sahen. Es gab nicht wenige unter ihnen, die nicht in diesen Augenblicken die blinde Entschlossenheit angewandelt hätte, zu sterben oder diese Unwesen sich aus dem Gedächtnis zu wischen. Sie drangen herab auf die Fratzen.

Mörderisch tobten die Kanonen in ihrem Rücken; Sprengen Klatschen Reißen von stöhnender unterirdischer Gewalt. Aber Tilly auf seinem hochbeinig tanzenden Schimmel irrte zwischen den Fremden und den Kanonen hin und her; träumte , ohne zu wissen was, lachte, wimmerte. Die Fragen seiner Offiziere beantwortete er nicht. Seine bis zur Weiße aufgerissenen Augen wurden immer wieder von den silbernen brabantischen Aufschlägen angezogen an seinem eigenen linken Ärmel. Um diese Aufschläge war ein Geheimnis. Bei jedem Kanonenschuß zuckte er zusammen, duckte sich, sah um sich. Das Wort „Maria“ mahlte er zwischen den Zähnen, während seine Augen suchten auf dieser Holzbrücke, in dem plantschenden Wasser. Wie an einem vom Himmel herabhängenden Faden zog sich seine Sehnsucht und Ratlosigkeit in die dünne Höhe. Ein Dreipfünder, dessen Abschuß er nicht einmal gehört hatte, warf seinen Schimmel um, zerschmetterte ihm selbst den rechten Schenkel über dem Knie. Er dachte und träumte lange nichts.

Ja, da denkt und träumt auch der demütige Leser lange nichts angesichts dieses heulenden zähnefletschenden lehmwühlenden knochenzerschmetternden Wahnsinns! So hätte man immer schreiben können gewollt.

Alle Zitate aus Alfred Döblin, „Wallenstein“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008