Pechschwarze Pädagogik I: La DEUTSCHE Vita – Jürgen Bartsch

Der Rechtsstaat führt seine Kreatur vor
Bildquelle

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Denn auch das ist mir zum Verhängnis geworden, daß ich um keinen Preis erwachsen sein wollte, denn für mich wird es, so scheint es, nichts Schöneres im Leben geben, als noch mal Junge zu sein, aber diesmal alles besser zu machen. Daß das immer ein Traum bleiben muß, weiß ich, aber irgendein Teufel in mir flüstert mir zu, das sei nicht allein meine Schuld…

Aus einem Brief von Jürgen Bartsch aus dem Gefängnis

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Das Eingangszitat und der folgende Artikelauszug sind vom Erzähler demütig übernommen aus:

Freedom and Pornography: Keiner kommt hier lebend raus

von Simone Reißner, veröffentlicht in Hommage an Roman Polanski – der von der BRD-Inquisition verfolgte „Polanski-Solidaritäts-Ketzer“, Ahriman Verlag, 2014.

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So mancher wird sich die Frage gestellt haben, wie es denn mit tatsächlichen Prävalenzraten hinsichtlich Pädophilie in der Bevölkerungsstatistik bestellt ist. Es lassen sich kaum verläßliche Häufigkeitsverteilungen der Perversionen innerhalb der Bevölkerung ermitteln. Bei der Pädophilie handelt es sich um eine in ihrer Mehrfachdeterminiertheit kompliziertere Perversion, welche in manifester Ausprägung sehr selten ist. Offiziellen Angaben zufolge liegt der prozentuale Anteil innerhalb der Bevölkerung Mitteleuropas bei der Pädophilie etwa bei 1%, während derjenige der Homosexualität 4% beträgt, wobei diese Statistik zumindest hinsichtlich Pädophilie aus oben skizzierten ideologischen Gründen mit Vorsicht zu genießen ist; vermutlich liegt der prozentuale Anteil in der Bevölkerung deutlich niedriger. Daß die Pädophilie als Perversion weit weniger verbreitet ist als die Homosexualität, ist naheliegend und läßt sich biologisch begründen. Zunächst einmal sind alle Perversionen evolutionäre Sackgassen, da Fortpflanzung unmöglich ist. Bei der Pädophilie kommt hinzu, daß arteigene Schlüsselreize wie Genitalbehaarung, die weibliche Brust oder breite Schultern gänzlich fehlen. Die Pädophilie wird also statistisch betrachtet weniger häufig als die Homosexualität, da sie nicht artübergreifend ist, eventuell häufiger als die Sodomie auftreten, wobei bei dieser Häufigkeitsverteilung durch eine ausgeprägte Ähnlichkeit hinsichtlich der Größe der Genitalien bei Mensch und gewissen Tieren die Pädophilie letztlich doch das Schlußlicht abgeben könnte. Wenn die Pädophilie tatsächlich auftaucht, ist sie häufig an Homosexualität sowie Lustmord gekoppelt, was in ihrer Psychopathogenese begründet liegt. Hierzu lehrte uns Otto Fenichel:

Gewiß können gelegentlich oberflächliche Anlässe genügen, um Kinder als attraktiv erscheinen zu lassen. Denn Kinder sind schwach, und man kann sich ihnen auch dann noch nähern, wenn andere Objekte aufgrund großer Angst außer Reichweite sind. Freud bezeichnete die Pädophilie als Perversion feiger und impotent gewordener Individuen. Gewöhnlich aber beruht die Liebe zu Kindern auf einer narzißtischen Objektwahl. Unbewußt sind die Patienten narzißtisch in sich selbst als Kinder verliebt; sie behandeln ihre kindlichen Liebesobjekte wie sie selbst als Kinder behandelt worden wären oder wie sie selbst in der Tat behandelt worden sind.

Otto Fenichel, Psychoanalytische Neurosenlehre II, Gießen 2005, S. 199

Betrachtet man biographische Einzelheiten und Briefe des zwischen 1966 und 1976 für Schlagzeilen sorgenden echten Pädophilen und Lustmörders Jürgen Bartsch, finden wir die beschriebene Ätiologie in verblüffenden Einzelheiten wieder. Er wuchs als adoptierter Sohn eines brutalen Metzgers sowie einer noch grausameren, von einem Sauberkeitswahn besessenen Hausfrau in den klerikalen 50er Jahren auf dem Land auf. Die Mutter verbot ihm, mit anderen Kindern zu spielen, weil bei dieser Gelegenheit die Gefahr bestand, sich schmutzig zu machen. Er wurde isoliert und in einem Kellerraum mit Kunstlicht eingesperrt. Die Mutter wusch ihn bis zum 19. Lebensjahr eigenhändig in der Badewanne. Als Jürgen Bartsch 10 Jahre alt war, kam er in ein Kinderheim. Dort ging es nach Ansicht der Eltern Bartsch nicht streng genug zu, weshalb sie ihn in ein katholisches Don-Bosco-Internat steckten. Während seiner Lehrzeit als Metzger in einem fremden Betrieb war seinem Vater die dortige 40-Stunden-Woche zu human. Mit der expliziten Begründung, daß sein Sohn in der verbleibenden Freizeit auf dumme Gedanken kommen könnte, sorgte er dafür, daß er möglichst rasch in seinem eigenen Betrieb angestellt wurde, wo ihm die 60-Stunden-Woche garantiert war. Zwischen 1962 und 1966 tötete Jürgen Bartsch vier Jungen zwischen acht und 13 Jahren auf bestialische Weise – es handelt sich tatsächlich um regelrechtes Ausschlachten -, nachdem er sich an ihnen sexuell vergangen hatte. Er wurde 1966 festgenommen und in einem pressefreundlichen Schauprozeß zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Leidensdruck über seine perversen Neigungen war bei Jürgen Bartsch so hoch, daß er seiner eigenen Kastration zustimmte, welche dann 1976 durchgeführt wurde. Weil ein Pfleger, angeblich aus Versehen, die 10fache Menge Narkosemittel verabreichte, verstarb Jürgen Bartsch auf dem OP-Tisch, wenn die offizielle Version stimmt (denn er hätte andernfalls bedingt freigelassen werden können und im Nicht-Delinquenzfall ein unerwünschtes Lehrbeispiel für die Folgen reaktionärer Kinderbehandlung einerseits, von aufrichtiger Neugier getriebene Verbalisierung andererseits hinterlassen können).

Die Briefe aus dem Gefängnis belegen, daß Jürgen Bartsch seinen Opfern gegenüber eine eigentümliche Verliebtheit und Mitgefühl verspürte; gleichzeitig empfand er während seiner Taten die größte sexuelle Erregung, wenn er in die ängstlichen und hilflosen Kinderaugen seiner Opfer blickte. Ich denke, diese Kurzbiographie belegt mit ihren Tatsachen recht eindrücklich und offenkundig, daß die vier Kinder als Liebesobjekte unbewußt ihn selbst als mißhandeltes Kind darstellen, wobei er sich in die Position des Vaters phantasiert, sich also buchstäblich mit dem Aggressor bis zur Kenntlichkeit identifiziert. Zugleich erkennen wir im Lustmörder den unbewußten existentiellen Satiriker: „Also sooo behandelt man Kinder richtig, das stimmt doch, oder?“ – Diejenigen, welche sich durch diese freilich existentielle Satire getroffen fühlen – natürlich unbewußt, doch präzise -, schreien über sie, d. h. die Verbrechen der Lustmörder, dann erfahrungsgemäß am lautesten.

Pädophile Lustmörder wie „Onkel Tick Tack“, ein reisender Uhrmacher namens Adolf Seefeld im Dritten Reich, oder Jürgen Bartsch gab es in der Geschichte immer wieder, sie tragen jedoch stets den Charakter des Exotischen*) Stichprobenartige Zeitgeiststudien im Zusammenhang mit pädophilen Lustmördern sind atmosphärisch durchaus aufschlußreich. So zeigten breite Teile der Bevölkerung zu Zeiten der Verhaftung Jürgen Bartschs 1966 bis zu seiner mutmaßlichen Ermordung auf den OP-Tisch 1976 aufrichtige Anteilnahme an dem Schicksal des Täters: er war so offensichtlich ein Opfer eines grausamen Familienknasts im finster-drückenden Adenauerdeutschland daß, Hetzpresse zum Trotz, Jürgen Bartsch in sehr vielen Köpfen genau als solches auch betrachtet oder zumindest heimlich so empfunden wurde. Wie wenig atmosphärisch vertraut erscheinen uns in heutigen Fritzl-Prozeß-Zeiten etwa Zeilen wie diese:

Im Prozeß Jürgen Bartsch ist alles, alles Erdenkliche geschehen, um den entscheidenden Punkt herauszuhalten, ihn nicht zum Prozeßgegenstand, nicht zum öffentlichen Diskussionsgegenstand werden zu lassen. […] Die Geschichte von Jürgen Bartsch und der Prozeß selbst offenbarten in unheimlicher Anhäufung im Elend dieser Person das Elend der Gesellschaft, in der er gelebt und gemordet hat – in kaum bezeichneten, selten so kraß sichtbar werdenden Ausmaß. Aber das Gericht hat alles Menschenmögliche getan, um zu verhindern, daß die Verhältnisse, die an Jürgen Bartschs Entwicklung Pate gestanden haben, zum Prozeßgegenstand werden…**)

In der Besseren Zeit dominierte innerhalb der Bevölkerung tendenziell also mehr aufrichtiges Mitleid statt hexenwahnähnlicher Projektion wie im heutigen technisierten Mittelalter.

Vor dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Hintergrund ist es zwar mühelos vorstellbar, daß die Perversion der Pädophilie innerhalb der Bevölkerungsstatistik infolge eines rigide reglementierenden Sexualstrafrechts (cf. Ketzerbrief 142) tatsächlich zunimmt, andererseits gilt dies unspezifisch für jede Perversion. Die Pädophilie ist aber gerade mit ihrem häufig immanenten Element der Grausamkeit gegenüber Schwächeren für eine Anklage gegen ein abgrundtief bösartiges Unrechtssystem geeignet. Das moralische Urteil hierüber sei dem Leser selbst überlassen.

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*)Der pädophile Lustmord tritt offensichtlich auch kulturunabhängig auf und ist nicht an eine bestimmte Gesellschaftsschicht gebunden: Die ungarische Gräfin Elisabeth Bathory (1560-1614) tötete junge Mädchen und badete in deren Blut, zuvor verging sie sich sexuell an ihnen.

**)Ulrike Marie Meinhof, Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken, Jürgen Bartsch und die Gesellschaft, Berlin 1981, S. 112

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5 Gedanken zu “Pechschwarze Pädagogik I: La DEUTSCHE Vita – Jürgen Bartsch

  1. c+

    Der Bartsch hat ein Deutsch gesprochen, da könnten noch so manche Germanistik-StudentInnen sich eine fingerdicke Scheibe abschneiden, am Rande, da macht ein METZGER-GESELLE die ganze Berufs-Revolutionäre Kaste linguistisch platt…

    Die MEINEID, ähh Meinhof macht es sich natürlich etwas zu easy, eine schlimme Kindheit ist ja noch lange kein Grund, wie die Axt im Walde herumzufuhrwerken, aber k.A. was sie heute mit ihm veranstalten würden, FREAKSHOW 2020 vermutlich, sowas wie die EKEL-ZSCHÄPE für semiinformiertes Kroppzeugs, ihm den Kopf von den Schultern reißen, dafür fehlt die Traute, dann lieber schäbbige Projektion.

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    1. Der Bartsch hat ein Deutsch gesprochen, da könnten noch so manche Germanistik-StudentInnen sich eine fingerdicke Scheibe abschneiden, am Rande, da macht ein METZGER-GESELLE die ganze Berufs-Revolutionäre Kaste linguistisch platt…

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      DAS habe ich mir auch gedacht!

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