Das sexualhöllische Erwachen des Don Alphonso

Fa Werbung 70er Commercial Spot Germany Werbespot (by Filmhaus GmbH Berlin)
Tatsächlich erlebte nach Definition der Ahrimanen der Don, wie auch der dem. Erzähler, nur noch die Ausläufer der „Besseren Zeit“. Aber wir haben immerhin noch eine Ahnung von dem was war und was hätte sein können!

Ja, wo fing das an und wann? Der Lebemann und ehemalige FAZ-Blogger „Don Alphonso“ hat sich schon seit längerem auf der Liste von Natziehs und Rechtspopolisten wiedergefunden. Nun ist er zudem in der real existierenden Sexualhölle aufgewacht und reibt sich die Äuglein. Auszüge aus einem bemerkenswerten Artikel in „Die Welt“, ohne weitere Anmerkungen des demütig kopierenden Erzählers, der nur darauf hinweist, dass er nicht alles, was der reiche Gaultier-Fan da erzählt, unterschreiben würde, wohl aber das Gesamtpaket und Resümmee, das sich weitestgehend mit seiner eigenen wie der Ketzerbrief -Ahrimanen Lageanalyse deckt.

Porno, Pasta, Prüderie

Was hat das linke Lager seit 1989 so ruiniert?

(…)

Das „Noodles“ mit seinem explizit erregenden Plakat war wie „French Kiss“ eine Art Durchbruch für sexuelle Aufladung. „Relax“ von Frankie goes to Hollywood war in meiner Heimat noch ein Skandal, und wer in der Schule im Alter von 16 Jahren mit der „Lui“ und den für heutige Vorstellungen harmlosen Frauenbildern erwischt wurde, bekam einen Verweis. 1989 ging das nicht mehr, damals hat sich die sexuelle Moderne Bahn gebrochen, und die meisten waren froh, die finsteren Zeiten von Strauß hinter sich zu lassen. Es war eine tolle Zeit für die fünf oder sechs Leute aus meinem Abiturjahrgang, die sich dieses Leben leisten konnten und wollten. Die anderen 120 waren konservativ und studierten lieber in Eichstätt oder Passau. Gerne Lehramt oder Maschinenbau mit dem Ziel Familiengründung. Nur die Paradiesvögel entfleuchten in dieses leuchtende München und kämpften dafür, dass das Leben besser wurde. Sie gründeten Kunstvereine, sie pfiffen Streibl aus, sie engagierten sich für den Radverkehr und demonstrierten gegen den Forschungsreaktor vor der Stadt. Sie waren, grosso modo, links und fortschrittlich und sahen gut aus. Man kann auch im weißen Kaschmirpulli Plakate aufstellen und im Gaultieranzug Franz Schönhuber beleidigen: Ich war dabei. So waren wir damals. Wir haben auch Minderjährige in den Morgen mitgeschleppt und Beweisfotos gemacht, dass wir die Regeln brachen. Wir haben gewonnen.

Denn am Ende der 90er-Jahre waren Bilder wie vor dem „Noodles“ längst Populärkultur. Unterwäschemodelle, die jede „Lui“ meiner Schulzeit in den Schatten stellten, waren als Werbung an Bushaltestellen zu sehen. In diesen Jahren änderte sich bei weiten Teilen der Bevölkerung die Einstellung zu nackter Haut, Pornographie und Sexualität. Attraktivität und Begehren waren nicht mehr unschicklich, sondern gewünscht, und eine neue Generation schickte sich in Bayern an, sogar die Bastion der Tracht zu stürmen und sexuell aufzuladen. Das muss nicht jedem gefallen, aber lange Zeit hätte das „Noodles“-Plakat niemanden mehr aufgeregt. Dass wir gewonnen haben, und zwar auf ganzer Linie, sah ich 2016 auf dem Marienplatz: Damals hat der früher als erzkonservativ geltende Immobilienkonzern Schörghuber den Hugendubel gegenüber dem Rathaus saniert. Und vor die Baustelle ein 114 m² großes Plakat einer Bikiniwerbung gehängt – natürlich mit einer spärlich bekleideten Frau. Und es waren die CSU-Stadträte, die das im ersten Moment gar nicht mehr so schrecklich fanden, schließlich sah die Frau gut aus. Gewonnen. Wenn sich der Feind von früher überzeugen lässt, hat man gewonnen. Man sieht die offenherzigen Busenbilder heute auch bei jeder Werbung für ein Volksfest. Also: gewonnen. Auf ganzer Linie. Könnte man glauben.

Aber 27 Jahre gehen nicht nur an der CSU nicht spurlos vorbei, sondern auch an den ehemaligen Freunden des Busengriffs vor dem „Noodles“. Und so war es dann die Prantlhausener Zeitung, die mit dem Schlagwort Sexismus eine Kampagne gegen das Großplakat startete. Sie ging zu den Stadträten des linken Lagers, holte sich dort Kritik und Vorbehalte gegen das Plakat ab, und machte sich zum Wortführer gegen Sexismus in der Werbung. Sexismus ist hier, wohlgemerkt, allein eine Frau, die wenig bekleidet für das wirbt, das sie am Körper trägt, und nicht im Mindesten die Dimension, die uns 1989 als Sinnbild der sexuellen Freiheit galt. München bekam dadurch ein Sexismusproblem, der Stadtrat ließ sich überzeugen, und verbot parteiübergreifend entsprechende Werbung auf städtischen Plakatflächen. Auch und besonders mit den Stimmen jener Parteien, die früher dergleichen als elendes Spießertum verteufelt hätten. Die jetzt auf städtischen Flächen untersagte „Verwendung der sexuellen Attraktivität ohne Sachzusammenhang“ ist beim Griff nach der Brust ebenso gegeben wie die als haram geltenden, „einseitigen klischeehaften Rollen“. Die fand man 1989 gut, wenn man links war. Und schlecht, wenn man rechts war. Ich finde das Bild des „Noodles“ bis heute ungebrochen gut. Wenn man das Bild als Fixstern der Debatte nimmt, sind SPD und Grüne so geworden, wie die CSU 1989 gewesen ist. Bis 2018.

(…)

Aber jetzt haben wir 2019, und die Gleichstellungsstelle der Stadt will eine App entwickeln lassen, mit der Aktivistinnen nach sexistischer Werbung Ausschau halten können, sie mit dem Handy ablichten und an die Behörde weiterleiten, die sich dann damit beschäftigt. Silvester 1989 war man froh, die Zeiten von Strauß, seinen Reaktionären und der gerade mitsamt der Stasi untergegangenen DDR hinter sich zu haben. Die Vorstellung, dass das eigene politische Lager 30 Jahre später politisch linientreue Denunzianten und Spitzel mit öffentlich bezahlter Software ausstatten könnte, um den öffentlichen Raum nach unerwünschter Sexualität abzusuchen und zu denunzieren – niemand hätte es sich am 31. 12. 1989 im „Noodles“ vorstellen können. Wir sind also nicht an dem Punkt, dass die Linke effektiv und mit der gleichen Verklemmtheit die Haltung der alten CSU übernimmt. Das linke Lager erlaubt zur Durchsetzung albtraumhafte 1984-Methoden, gegen die sie, wenn die CSU so etwas 1989 gegen Andersdenkende angewendet hätte, auf die Barrikaden gegangen wäre. Gewonnen? Überhaupt nicht. Der bigotte Horror meiner Provinzjugend dominiert das früher leuchtende München. Es wird rechtsreaktionär. Es lehnt mit einer neuen Generation von Politikern das ab, was das schwarze München 1989 auch schon verbieten wollte.

Die Welt von 1989 ist inzwischen weitgehend verschwunden, und das schützt unsereins auch davor, für das zur Rechenschaft gezogen zu werden, was damals als normal links galt, und heute unmöglich wäre. Es gab eine Halle an der Dachauer Straße, und dort gastierte ein Tanztheater des Partyhallenerfinders Bonger Voges. Bei Voges gab sich die elitäre Kunstszene die Tür in die Hand, bei Voges waren alle, die enthemmten Tanz ohne Rücksicht auf den verstaubten Kulturbetrieb erleben wollten. Bei Voges gab es in einem für den Abriss vorgesehenen Areal ab 1983 das an Partys, was es mit dem RAW-Gelände heute in Berlin gibt. Kein Rechter wäre dort hingegangen, denn die Partys hatten etwas mit Acid in Form von Musik und Drogen zu tun. Und die Progressiven, Jungen, Schönen und Andersartigen, die dort feierten, hatten einen festen Namen für das Tanztheater und die Halle. Niemand fand das falsch oder rassistisch oder fragwürdig, im Gegenteil, man wollte sich mit dem Namen absetzen: Das Tanztheater „Neger“ gab der berühmten „Negerhalle“ bis zum Abriss 1989 den Namen. Kein Vertreter konservativer Ansichten ward je darin gesehen, und alle, die sich dort treffen wollten, sprachen von der „Negerhalle“. Wir gingen also von einem Lokal mit Grabscherwerbung in die „Negerhalle“.

(…)

Heute würde die tumbe Schuldindustrie der Social Justice Warriors über unsere Privilegien herziehen, über die Gedankenlosigkeit beim Feiern in NS-Bauten, über die kulturelle Aneignung der Tanztraditionen Afrikas und das rassistische N-Wort. Sie würden uns hassen wegen der Kommerzialisierung von cisheterosexuellem Porno, für die Adaption eines Sexkaufkellers, für den quietschgelben Fiat Uno Turbo und die dunkelblaue S-Klasse, mit denen wir vorfuhren, für die völlig fehlende Rücksichtnahme beim heterosexuellen Herumknutschen auf dem Klo, auch wenn LBGTXYZ-Leute anwesend sind, die das stören könnte. Sie haben nichts mehr gemein mit der Speerspitze der toleranten Andersartigkeit von 1989, die sich gegen Reaktion und Bigotterie behaupten musste, gegen Ideen wie das Wegsperren von HIV-Erkrankten und die Verteufelung aller, die Gunstbeweise für Geld anboten. Die Paradiesvögel von damals mit den Comme-de-Garcon-Fräcken, den Schlauchkleidern von Azzedine Alaia, den riesigen Fächern und der ambivalenten Haltung zum sexuellen Experiment waren so wenige, dass man sich Flügelkämpfe nicht leisten konnte. Wir hatten mächtige Feinde, die uns die Brüste von den Restaurants entfernen wollten. Das schweißte zusammen. Wir nahmen, was wir kriegen konnten, wir waren nicht wählerisch. Kurz: wir benahmen uns so, dass man heute jeden Tag die ganze „Taz“ und den Kolumnenbereich von „Spiegel Online“ mit wütendem Hass gegen uns füllen und mehrere Shitstorms starten könnte.

Wir haben nicht gewonnen, aber wir hatten eine gute Zeit, und heute werden Bikinimädchen von unseren früheren politischen Freunden verboten, während angeblich 27 Prozent des Webvideotraffics für Pornographie benutzt wird – für ausgefallene Praktiken, die unfassbar jenseits des Gestöhnes sind, das uns damals als verrucht erschien. Die einen verbieten jetzt wirklich die Freuden von damals, die anderen finden bei Pornhub Alternativen, zumindest solange, bis Netzfilter und das von SPD-Frauen gewünschte Schwedischen Modell mit Kundenbestrafung beim Sexkauf kommen. Das ist dann durch die Hintertür der Sperrbezirk nicht nur für München, sondern für das ganze Land. 1989 wähnten wir uns noch Seit an Seit mit den Linken, wir vertraten gelebte Liberalität, auch wenn es uns ein paar Semester wegen Übermüdung am nächsten Morgen kostete. Wer dabei war, denkt heute noch so, aber die politischen Partner von damals wollen Verzicht, Verbot, lustloses Leben und Unterwerfung unter ein Dasein, so bigott und verlogen wie jenes, vor dem wir nach München flohen, und 1989 dachten, wir wären ihm für immer entkommen.

Heute, 30 Jahre später, sitze ich am Tegernsee auf einer Liege, und lasse die Sonne auf mich scheinen. Ich lebe den Traum, denn auf dem Parkplatz steht der offene, schnelle Roadster, und die Bedienung im Café trägt ein Dirndl, fast so ausgeschnitten wie das Kleid der Frau auf der Werbung für das „Noodles“. Ich habe es nie über das Herz gebraucht, meine Gaultieranzüge zu entsorgen. Sie hängen immer noch im Schrank. Das Leben war in den letzten 30 Jahren ziemlich gut zu mir, weil wir damals, 1989, den Weg gegangen sind, den wir für richtig hielten, und es hat sich in Deutschland viel zum Guten gewendet. Niemand muss mehr jene Ängste in der Schule haben, die uns peinigten. Es war famos – bis vor ein paar Jahren die Linke reaktionär wurde und mit der Identitätspolitik eine Opferhierarchie einführen wollte, die man als schlechterer Sohn aus besserem Hause nur zu gut kennt: Das sind die neuen Pfaffen, die glauben, sie könnten einem Schuld und Erbsünde einreden.

Wir sind in Lokale entkommen, in denen Brüste hingen, wir tanzten in der „Negerhalle“ und im Bordell, und am Morgen, beim Sonnenaufgang noch im Neptunbrunnen, obwohl das verboten war. Es kümmerte uns nicht. Das war die Freiheit, die wir uns erkämpften, und jetzt sieht es so aus, als müsste ich 30 Jahre später wieder in die Schlacht für die gleichen Freiheiten ziehen, weil das eigene Lager der Feind wurde. Für das Recht der nächsten Generation, die Nudelsoße wirklich von der Frauenbrust zu lecken, und sich das nicht nur bei Pornhub anzuschauen. Für das Recht, nicht daheim sein zu müssen, wenn die letzte Öko-Bahn fährt, und für das Menschenrecht, im Morgengrauen im gelben Fiat Uno Turbo „French Kiss“ so laut aufzudrehen, dass der Wagen scheppert und in einer CO2-Wolke über die Autobahn zu jagen, während hinten, über dem München, das damals nicht verraten wurde und deshalb leuchtete, die Sonne aufging.

So golden und schön wie für Sie alle hoffentlich morgen früh am ersten Tag des Jahres 2020. Es wird sicher ein gutes Jahr, und ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für das famose 2019 mit Ihnen, den Lesern und Kommentatoren, bedanken. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern, und wenn Sie eine Nudel sehen: Greifen Sie zu. Das muss so sein, im Geist der alten Freiheiten.

***

2 Gedanken zu “Das sexualhöllische Erwachen des Don Alphonso

  1. Eigentlich besingt der Don ja die letzte faule Blüte vor dem Niedergang. Mit Fränki Goes To Hollywood kamen auch Schwulenkult, AIDS, Monogamie- und Kondomzwang, die Dressur der Mehrheit unter Berufung einer unter Minderheiten sich ausbreitenden Seuche, der Aufruf von Gauweiler und den Ketzerbrief-Ahrimanen, man solle doch bitte das Seuchengesetz anwenden (soviel zum „Wegsperren“ der Überträger) verpuffte im Nichts, während sich alles zur Zufriedenheit der Tugendwächter entwickelte. Und während der Don und seine Kumpels sich noch beim Abschleppen von „Minderjährigen“ als kühne Tabubrecher gerierten, überschwemmte schon der Kinderschänderwahn nach US-Vorbild mittels inszenierter Hexenprozesse das Land und hat insbesondere die Aufwachszene tiefer durchseucht al AIDS die Schwarzen, Schwulen und Junkies, höhöhö.

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  2. c+

    Bei der Fa-Werbung hat meine Mutter immer gesagt:“C+, schau doch noch mal, ob unsere Hunde (zwei Riesenschnauzer) ihr Fressen haben“, oder: „ich glaube es hat geschellt!“. Na klar wusste ich, dass sie mich foppte….

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