Von Breitmaulnashörnern und Hyänen

Der Erzähler, der dieses Video zunächst demütig und kommentarlos in den Kommentarbereich gestellt hat, um es der freien Assoziation der anwesenden Elite zu überlassen, muss nun doch ein paar Anmerkungen zu dieser so interessanten wie seltenen Aufzeichnung hinzufügen, die ein Geschehen zeigt, das sich so mit Sicherheit schon vor Millionen von Jahren abgespielt hat. Zu sehen ist eine Gruppe von Breitmaulnashörnern, die nach dem Elefanten zweitgrößten und -schwersten Landsäugetiere. Entgegen ihres im allgemeinen ruhigen Temperaments (das kleinere afrikanische Spitzmaulnashorn ist da schon hitziger und aggressiver) und ihrer plump wirkenden Erscheinung sind diese Tiere, wenn es sein muss, durchaus schnell, ausdauernd und sehr wendig, dazu allein durch ihre Größe und ihr Gewicht, mitsamt dem Horn und der zentimeterdicken Haut, sowohl offensiv wie defensiv gut bewaffnet. Gegen Maschinengewehre von Wilderern nützt ihnen das alles nichts, aber der Hyänenclan, der hier um die Nashorngruppe streicht, würde kaum ein gesundes ausgewachsenes Tier angreifen. Ein Nashorn aus der Gruppe hat aber, wohl als Folge eines Kampfes mit einem anderen Nashorn, ein gebrochenes Bein und das macht es gegenüber den Hyänen so gut wie wehrlos. Die haben die Schwäche längst registriert und setzen dem Rhino, dem jeder Schritt, jede Drehung des tonnenschweren Körpers wahrhaft viehische Schmerzen bereiten muss, unnachgiebig zu. Zwar hüten sich die Raubtiere vor dem Horn und den Tritten des Riesen, aber ihre Vorstöße von hinten schwächen und verletzten diesen mit jedem Mal mehr. Den Schwanz haben sie ihm schon bis zur Wurzel weggerissen, nun sind sie dabei, die Wunde zu erweitern und es ist sicher, dass sie nicht damit aufhören werden, bis sie die Gedärme erreicht haben und der Riese in die Knie geht. Dann geht das Mahl erst richtig los und das Nashorn wird mit einiger Wahrscheinlichkeit noch leben, wenn sich die ersten Hyänen mit vollgeschlagenem Magen zur Seite trollen um sich der Verdauung hinzugeben. Gegen Ende des Videos ist das Nashorn, durch die unablässigen Hyänenattacken und die Schmerzen, so weit hochgeputscht, dass es, sein gebrochenes Bein voll belastend, in Galopp verfällt und mit den anderen Nashörnern in dichteren Busch und außer Sicht der Kamera poltert, gefolgt von den Hyänen, die weiter an der Wunde beißen und reißen. Was neben dem urweltlich-grausamen Geschehen den demütigen Betrachter in seinen Bann zieht ist, dass die gesunden Nashörner so gut wie überhaupt keine Aggression gegenüber den Hyänen zeigen, sich ihnen zwar zuwenden, sie ab und an mal zaghaft wegzudrängen scheinen, letztlich aber ganz den Eindruck machen, als wollten sie nur den Clan und damit ihren todgeweihten Artgenossen abschütteln. Dieser wird allerdings auch nicht weggedrängt, so wie man es von manch anderen Herdentieren kennt, die kranke oder verletzte Artgenossen töten oder davonjagen, weil diese Raubtiere anlocken. Offensichtlich fehlt Nashörnern nicht nur, abgesehen von Muttertieren gegenüber ihren Jungen, jegliche Gruppensolidarität, wie sie etwa Kaffernbüffel gegenüber Raubtieren entwickeln können, sondern überhaupt jeder Herdeninstinkt. Sie scheinen überhaupt nicht ermessen zu können, wie schwer der Artgenosse getroffen ist, ganz so, als wollten sie sich lediglich den irritierend-zudringlichen Hyänen entziehen. Gut, da kann man nun sagen, dass Nashörner halt nicht sonderlich helle und eher Einzelgänger sind, die sich ab und an mehr zufällig zu losen Grüppchen zusammenfinden können. Da man aber weiß, wie aggressiv Nashörner mitunter auf zufällige Provokationen, sei es z.B. durch Touristen in Jeeps, die ihnen zu nah auf die dicke Pelle rücken, reagieren können, ist es schon erstaunlich, dass sie gegenüber dem unmittelbar um sie herumwimmelnden Hyänenclan keine nennenswerte Aggression zeigen und nicht zumindest versuchen, die penetranten Räuber anzugreifen und zu vertreiben. Stattdessen erscheinen sie völlig unschlüssig und lassen sich sogar durch die Gegend scheuchen wie das verletzte Tier, wobei davon auszugehen ist, dass falls die Hyänen eines der gesunden Tiere direkt angreifen würden, sich dieses seiner Haut sehr wohl zu wehren wüsste. Tja, die Natur entzieht sich eben immer wieder den möhnntschlichen Erwartungshaltungen. Und was die Gruppensolidarität der Kaffernbüffel betrifft, so ist diese auch von ziemlich launischer Natur, mitunter gar nicht vorhanden, mitunter zieht sich die Zeit kaugummiartig, bis sich aus einer vielhundertköpfigen Büffelherde heraus Widerstand formiert um einem niedergerungenen Artgenossen beizustehen, dem die Löwen schon an den Weichteilen kauen. Die Gruppensolidarität und -strategie von Rudeljägern scheint immer zumindest einen Tick ausgefuchster zu sein als die der Beutetiere, was sich auch damit deckt, dass ein Raubtier, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, immer ein klein wenig schlauer sein muss als die Beute. Was sagt uns das?

3 Gedanken zu “Von Breitmaulnashörnern und Hyänen

    1. Wolte eher auf die „Evolutionären Gruppenstrategien“ von Kevin MacDonald allgemein anspielen, bzw. darauf, dass Evolution immer auch Ko-Evolution ist. Wobei schon klar ist, dass MacDonald ziemlich eindeutig eine Grenze zwischen Mensch und Tier setzt, indem er die Gruppenstrategie dadurch als etwas spezifisch menschliches charakterisiert, da es vergleichbare soziale Instanzen, die über die Einhaltung von Gruppennormen wachen, bei Tieren nicht gäbe. Naja. Auf jeden Fall sollte eine Gruppe von Zweibeinern , die von einer anderen zehrt, dieser immer in bestimmten Dingen eine Nasenlänge voraus sein, will sie erfolgreich bleiben.

      Apropos MacDonald: Seine Grundannahme, dass sich die westlichen, europäischen Kulturen durch ein hohes Maß an Individualismus, analytischem Denken usw. auszeichneten und dadurch signifikant von anderen unterscheiden,erfährt nun auch Bestätigung im „Mainstream“, allerdings wird das hier nicht auf den Einfluß der Eiszeit zurückgeführt, wie bei MacDonald, sondern auf den der Kirche, speziell der katholischen. Diese habe maßgeblich die Familienstruktur geprägt, die Verwandtenheirat und die Clanstrukturen bei den Europäern abgeschafft. Gut, hört sich in vielem nach Binse an, in seiner Gesamtheit halte ich es aber doch für notierenswert weshalb ich es mal hier wertungsfrei anpinne (Tagesspiegel, 17.11):

      Einfluss der Kirche prägt Gesellschaft noch immer

      In der Kleinfamilie wirkt das Mittelalter nach

      Die westliche Welt ist von Regeln geprägt, die aus der katholischen Kirche stammen, sagen Forscher. Das betreffe sowohl Familienstrukturen als auch die Psyche.

      Die Ehe- und Familienvorstellungen der katholischen Kirche des Mittelalters prägen bis heute das Zusammenleben und Denken in der westlichen Welt. Diese These vertreten US-Forscher im Fachmagazin „Science“. „Mit der Studie wollen wir Unterschiede in der Psychologie zwischen den Gesellschaften erklären“, sagt Hauptautor Jonathan Schulz von der George-Mason-Universität in Fairfax im US-Bundesstaat Virginia.

      Die Untersuchung zeigt auf, dass die gegenwärtigen Familienstrukturen der westlichen Welt – eher Vater-Mutter-Kind-Einheiten als größere Verbände – auch auf Regeln zurückgeführt werden können, die die frühe Kirche zu Wahl des Ehepartners aufgestellt hatte. Zudem stellen die Forscher einen Zusammenhang zwischen dieser Familienstruktur und der Psyche der Menschen fest. Ein deutscher Kulturpsychologe sieht aber auch einige Schwächen bei der Studie.

      Das Team um Schulz beruft sich in seiner Arbeit auf eine Vielzahl von Studien, nach denen psychologische Merkmale rund um den Globus variieren. Demzufolge zeichnen sich Menschen etwa aus Westeuropa, Nordamerika und Australien durch eine höhere Individualität, Unabhängigkeit, oder durch verstärktes analytisches Denken – im Gegensatz zu ganzheitlichem Denken – aus.

      Die Ursprünge dieser Merkmale sehen die Wissenschaftler in der Familie. „Die Familie ist die erste Struktur, der ein Kind ausgesetzt ist. Das hat Auswirkungen auf die Psychologie“, sagt Schulz.

      Wo die Kirche lange wirkte, dominiert die Kleinfamilie

      Um ihre These zu untermauern, verglichen die Forscher globale Datensätze miteinander.

      So nahmen sie unter die Lupe, wie lange eine bestimmte Weltregion unter dem Einfluss der katholischen Kirche stand. Dort konnte die Kirche ihre Vorstellungen und Regularien zu Ehe und Familie den Forschern zufolge am besten durchsetzen. Dazu gehört beispielsweise das Verbot, dass sich Cousin und Cousine vermählen. Kinder aus diesen Ehen haben ein erhöhtes Risiko für genetisch bedingte Fehlbildungen. Zudem mussten beispielsweise Anfang des zweiten Jahrtausends Frischvermählte in einen eigenen Haushalt ziehen. Der Theorie nach sorgte die katholische Kirche im Mittelalter dafür, dass sich Familienverbände und Clans auflösten.

      Zudem analysierten die Forscher, wo auf der Welt besonders enge Familienverbände üblich sind, also wo beispielsweise die Ehe zwischen Cousin und Cousine verbreitet ist, Großfamilien häufig zusammenwohnen oder große Familienverbände innerhalb eines Stadtviertels wohnen. Schließlich analysierte das Team um Schulz ländervergleichende Daten zu verschiedenen psychologischen Parametern.

      Durch den Vergleich all dieser Daten – zum Teil auch auf regionaler Ebene innerhalb europäischer Länder – sehen die Forscher das Muster, dass sie nun in „Science“ vorstellen. Es sieht vereinfacht gesagt so aus: Wo die katholische Kirche lange wirken konnte, dominiert besonders die Kleinfamilie. Wenn die Kleinfamilie dominiert, ist die Gesellschaft unter anderem besonders von Individualität und Unabhängigkeit geprägt.

      „Die Ergebnisse sind bemerkenswert“, kommentiert Kulturpsychologin Michele Gelfand von der Universität Maryland in College Park (USA) ebenfalls in „Science“. Es sei eines der größten Rätsel der Sozialwissenschaften, wie die immense kulturelle Vielfalt auf der Welt entstanden ist. Gelfand zeigt sich beeindruckt von der Datenfülle, die in die Untersuchung geflossen sind. Allerdings weist sie auch darauf hin, dass weitere Forschung nötig sei, um überzeugende kausale Zusammenhänge zu zeigen.

      „Zu starke Vereinfachung“

      Auch Pradeep Chakkarath, 2. Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Kulturpsychologie, weist darauf hin, dass die Untersuchung zwar durchaus interessante Korrelationen nachweise, solche Korrelationen womöglich aber auch mit anderen, unbeachtet gebliebenen historischen Faktoren bestehen. Die These von Schulz und seinem Team vereinfache durch die Betonung von nur einem Faktor zu stark.

      Die Untersuchung blende etwa einflussreiche Theorien aus, wonach der Individualismus, den die Studienautoren als typisches Merkmal westlicher Gesellschaften sehen, nicht primär auf katholische Einflüsse, sondern auf die Entstehung des protestantischen Menschenbildes seit dem 15. Jahrhundert zurückgehe. Die Ergebnisse der Studie wären überzeugender, hätte man zumindest auch diesen Zusammenhang getestet oder wenigstens dazu Stellung genommen, sagte Chakkarath. Er wünscht sich auch eine Unterscheidung der verschiedenen Formen von Individualismus, die nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Kontext zu Kontext – beispielsweise in der Familie im Gegensatz zum Arbeitsumfeld – variieren können.

      Valentin Frimmer (dpa)

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  1. 1996-1997 Mitarbeiter, Technische Universität Dresden, Kommission zur Erforschung des politischen und sozialen Wandels in den neuen Bundesländern (KPSW)
    seit 1999 Lehrbeauftragter, Universität St. Gallen, Ostasienkunde, Kulturpsychologie und Interkulturelle Kompetenz
    1999-2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Konstanz, Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Kulturvergleich
    2006-2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter, Technische Universität Chemnitz, Institut für Interkulturelle Kommunikation
    2006-2010 Dozent, Universität Zürich, Interkulturelle Ethik
    2007-2010 Berater und Dozent, Université Evangelique du Cameroun, Schulreformprojekt „Institut Pédagogique pour Sociétés en Mutation“
    seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ruhr-Universität Bochum
    seit 2015 Dozent, Donau-Universität Krems, Master Intercultural Competencies

    Ist Chakkarath
    a. ein Jude?
    b. ein Zigeuner?
    c. ein Zigeunerjude?
    d. ein Judenzigeuner?
    Zugegeben, dieser Melanin-Arier kam weiter herum als ich. Meine äußerste Ausbreitung in alle Richtungen ging nur bis Pajala – Dębica- Kamtschija – Venice FLA. Ersteren und letzteren Ortes bin ich der Zunge leidlich mächtig, polsch und bulgarisch zwar nur ein paar Phrasen – weiß aber, ob meiner nordischen List, auf welche Tube da zu drücken wäre: Alkibiades war ja in Sparta der spartanischste von allen …

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