EPISODE IN LONDON oder „Gruppenstrategie ganz unten“

Céline auf Deutsch und Englisch im Vergleich

Der Erzähler ist ja mitunter schnell zu begeistern und leicht zu beeindrucken, wie er, durchaus demütig, zuzugeben bereit ist. Nach einer kleinen Diskussion im Kommentarbereich, ganz unter Fachmännern und Kennern, über die angeblich gekürzte und/oder verpfuschte deutsche Übersetzung des wohl berüchtigtsten Werkes von des Erzählers Avatar, Louis Ferdinand Céline, Bagatelles pour un massacre, sind dem Erzähler nun, bei näherer Beschau, tatsächlich gewisse Schludrigkeiten im Detail bei der deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1938, und, im Vergleich mit der englischsprachigen Übersetzung, einige Abweichungen aufgefallen, was einiges verständlicher macht. Eine kurze Gegenüberstellung verdeutlicht das. Der Erzähler hat sich dazu einen Abschnitt herausgesucht, den er als besonders beeindruckend in der Darstellung des gruppenstrategischen Existenzkampfes auf sozusagen unterster Ebene empfand. Zunächst also die deutsche Fassung von 1938, dann die englische von 2006. Man möge verzeihen, aber das französische Original ist leider abkömmlich und der Erzähler in seiner Demut ohnehin in, äh, „Französisch“ beiweitem nicht so firm wie in Englisch oder Deutsch.

Aus Louis Ferdinand Céline: Bagatelles pour un massacre, Deutsche Übersetzung von 1938 „Die Judenverschwörung in Frankreich“:

Wenn ich es richtig bedenke, kenne ich die Juden nicht erst seit heute. Als ich auf den Londoner Docks arbeitete, habe ich dieses Judenpack schon oft gesehen. Alle zusammen fraßen sie Ratten, und es waren keine jüdischen Juwelenhändler, es waren furchtbare Hungerleider. Sie waren platt und widerlich wie Wanzen. Sie kamen gerade aus ihren Ghettos, aus den lettischen, kroatischen, walachischen, rumänischen Löchern, aus dem Dreck von Bessarabien. Sie machten sich sofort auf ihre Weise an die Arbeit, sie hatten das so im Schädel: den Geheimpolizisten, den diensthabenden Schutzleuten zu schmeicheln. Vor ihnen zu kriechen, sie für sich einzunehmen, um sich auf solche Art in die guten Stellen zu schmuggeln.

Ich spreche für die Eingeweihten von den Speichern von Dundee, wo man die Rohstoffe löscht, besonders die Baumwollballen und auch Marmelade. Die „Schmout“ (Juden) verstanden es, sich heranzulächeln. Immer näher an die Schutzleute heran, so lautete ihre Parole. Und dann immer noch einmal schmeicheln, immer noch einmal sich gefällig machen. Immer noch einmal ihm sagen, daß er stark ist, klug, daß er bewundernswert ist, der Tölpel. Ein Schutzmann ist immer Irländer. Und ist immer für Schmeicheleien empfänglich! Das ist immer selbstgefällig wie alle Gojim! Das tut sich wichtig. Wie schnell wird er vertraulich, der Kasper, und bezahlt dem Judenpack eine Wurst. Mitleidig ladet er sie ein. Sie sollen sich am Ofen wärmen. Eine Tasse Tee trinken!

Die Juden kommen in die Baracke herein, nun sind sie schon nicht mehr draußen. Im Betteln nehmen sie es mit jedem auf. Und das spielt sich alles zwischen Barkassen und faustdicken Tauen ab, am Rand des gelben Wassers zwischen den Docks, wo man alle Flotten der Welt in einem phantastischen Bild wiederfindet, wo einem der Wind den Atem nimmt, die Därme im Leib umdreht…

Der Jude ist schon untergeschlüpft, während die Weißen noch unter den Windstößen stöhnen. Sie kleffen sich gegenseitig an wie Hunde. Sie sind draußen, sie brüllen im Wind. Sie haben nichts begriffen. Wenn das Schiff am Löschplatz festgemacht hat, steht die Horde der Unglücklichen unten auf einem Haufen, zittert vor Kälte. Wartet, daß man die Zahl der nötigen Löscharbeiter nennt. Zittert. Man braucht fünfzig, wird gerufen.

Dann geht die schreckliche Schlacht los. Die zuerst an Bord kommen, die rennen und Strickleitern klettern können, das sind die besten. Aber die andern alle, die zurückfallen, können krepieren. Sie werden keine Wurst, keinen Schilling, kein Bier mehr haben.

Da gibt es kein Mitleid, zuverlässig! Zum Schluss kämpfen sie es mit dem Messer aus. Ein Stoß in den Bauch. Fztt! Du lässt das Tau los. Die Traube fällt mit dir in den Zwischenraum zwischen Bordwand und Kaimauer. Im Wasser versucht man noch, sie zu erdrosseln. In den Schrauben geben sie sich noch den letzten Stoß!

Im Schuppen wartet indessen der Agent der mächtigen Schiffahrtsgesellschaft, der Kommisionär, bis alles vorbei, bis die Schlacht zu Ende ist, und verzehrt auf einer umgestülpten Kiste seelenruhig sein Frühstück.

Ich sehe immer noch den unseren essen, Schinken, Erbsen, aus einer großen Zinnschüssel, pflaumendicke Erbsen. Er nimmt nicht einmal seinen Hut ab, seinen Mantel, legt seine dicke Aktentasche nicht einmal beiseite. Er wartet bis sich alles beruhigt hat, die Schlägerei ein Ende nimmt. Er rührt sich nicht. Er tat niemals eilig. Ließ es sich zum Schluß gut schmecken.

„Ready, Mr. Jones?“ rief er dann, als die Ruhe wiederhergestellt war.

Der Zweite antwortete: Ready, „Mr. Forms!“

Das Judenpack verstand es natürlich trotz allem, immer nach der Schlacht in den Laderaum zu gelangen, sich mit den Papieren, mit dem diensthabenden Schutzmann in den Kielraum einzuschleichen. Sie sicherten sich einen kleinen Platz dicht bei der Winde, um die Bremse zu halten. Das knirscht. Das brüllt. Und das rollt. Und England lebt weiter. Die Zugwinden steigen noch und klettern. Und die Blödesten sind zwischen die Kaimauer und das Schiff gefallen, mit einer kleinen Welle im Hintern.

+++

Wenn wir da nun die englische Version („Trifles For A Masscre“) dagegenhalten, fallen sofort einige Dinge ins Auge. So ist dieser Abschnitt in der deutschen Version aus dem Dritten Reich mit der Überschrift „EPISODE IN LONDON“ (Brüllschrift im Original) ein eigenes Kapitel, in der englischen nicht, so wie das Werk im Englischen insgesamt überhaupt mit ganz anderen Überschriften anders gegliedert ist. Da der englische Titel dem französischen Originaltitel entspricht, kann man davon ausgehen, dass diese Version damit näher am Original ist. Auch ist nicht sofort von „Judenpack“ die Rede, sondern von „Semites“ und „Yids“, wobei sich die Versionen insgesamt an Schärfe hier kaum was schenken. Ah, apropos Schärfe: In der englischen Version gibt es keine „kleine Welle“ in den Hintern, sondern eine Klinge (Blade), und das ergibt dann durchaus mehr Sinn im Rahmen des Erzählten, wo unter anderem von Messerstechereien, und zwar „in the ass“ die Rede ist! In der deutschen Version wird allerdings „in den Bauch“ gestochen, das mit dem Rektum hätte wohl den Michel zu sehr verunsichert, weshalb der Hintern hier auch nur von einer kleinen Welle milde gespült wird – auch wieder LOSTIG! Der Erzähler kommt wohl nicht umhin, auch die englische Version komplett zu lesen.

CELINE : Trifles for a massacre — 28 — All things considered, it’s not just since today that I’ve come to know them, the Semites. When I was on the docks in London, I saw plenty of them, the Yids. These weren’t Hymie jewelers, these were vicious lowlifes, they ate rats together… They were as flat as flounders. They had just left their ghettos, from the depths of Estonia, Croatia, Wallachia, Rumelia, and the sties of Bessarabia… They were given in to intrigue, which was the gist of their mumbling…to work their charm on the hard-nose types…and upon the policemen on duty… They began the seduction in order to work their way into the officers’ Post… I’m talking about the “Dundee” dockyard, for those who are familiar… where bulk items were unloaded, mostly fibers but also marmalade… The “Schmout”22 would crack a smile… Always ever-closer to the policeman…that was their motto… And then let me tell you how they flattered him…how they sweet-talked him… And how the said how strong he was…intelligent! …how admirable he was, the brute!… The cop is inevitably an Irishman… Which always lends itself to the force of illusion. He’s fatuous like all Aryans…it goes over… Very quickly he softens into a sausage for the Kikes… he takes pity…he invites them in…for a sit by the stove! …a cup of tea…

The Jews, they now frequent the guardhouse, they are no longer outside… When it comes to crookedness it is they who take first place… All of this takes place under the hydrant! with hoses as thick as dicks! beside the yellow waters of the docks… enough to sink all the ships in the world…in a décor fit for phantoms…with a kiss that’ll cut your ass clean open…that’ll turn you inside out…

The Jew is already hidden-away, while the whites rail away under the deluge… They lash out all about like dogs… They are the ones on the outside, they are the ones howling into the wind… They don’t understand a thing… And now the unloading of ships works like this… The boat announces itself…it comes up to the wharf… it docks… The “second mate” climbs up into the cabin…just like that the hawsers arrive at the heads. The scow bobbles between the “stakes”… There’s a regular hoard of those smart-asses, all packed together down beneath…they’re all grinding against one another, I tell you… They await the “number”…the bell!… They need fifty! it is announced…

And then it’s a ferocious free-for-all…for the first ones to get there, heave to it! way up there! from the dockside, go the good ones…those who could got closer, and climbed up the rigging… All of the others, all of those who fell back down, they could starve… For them there would be no sausage…no “shilling” and no pint.

There was to be no mercy, I assure you… It was the penknife that ruled the day…in the end, for the slackers… A stab in the ass… Fztt! and you’d let go of the rope…that bunch fell down into the interstice…between the hull and the wall…into the flotsam, which was even more suffocating… They wound up in the propellers…

In the depths of the hangar, the agent of that powerful company, the “Dispatcher,” waits until everything is ready, until the row is over, taking his time over his lunch, standing, atop an overturned trunk…

I would always see him, with ham…peas…what have you…on a big pewter plate…the peas as big as prunes… He never left off tending to his mug, nor did he quit his house-coat, nor his great “manifest” napkin… He waited until everything had quieted down…until the pugilism was over…he didn’t bat an eyelash… He never pressed things. He’d be feeding his face clear to the end…

“Ready, Mr. Jones?” he would finally ask…once calm had been reestablished…

The Second would respond: “Ready, Mr. Forms!…”

After the fracas the Kikes would always come around to reentering into the holds, and infiltrating into the stores, using “papers” and the policeman on duty… They set to business around the winches, and let off the brake… It groaned…it squealed…and then it would roll… And England carried on!… The cranes went up and down. And the most stupid would be found fallen between the freighter and the dockside with a little blade in his ass.

2 Gedanken zu “EPISODE IN LONDON oder „Gruppenstrategie ganz unten“

  1. Wenn ich es genau betrachte, fallen mir bei dieser Übersetzung dann doch gelinde Pfuscher auf. Inwieweit bei der Übertragung aus dem französischen geschludert wurde, kann ich nicht sagen, aber es ist stellenweise ein eigenartiges Deutsch, z.B. stand da „Zuwinde“ statt „Zugwinde“. Sowas ist mir bei der Erstlektüre ab und an mal aufgestoßen, habe es aber einfach, mitgerissen von Celines Furor, übergangen bzw. dem keine große Bedeutung beigemessen oder mir gar die Lektüre vermiesen lassen. Im Großen und Ganzen ist es schon der charakteristische Stil Celines, wie man ihn von „Reise ans Ende der Nacht“ oder „Tod auf Kredit“ kennt. Celine trotzt einfach jeder schlechten Übersetzung!

    Btw.: Falls irgendein Klosterschüler Antisemitismus-Dokumentationen wie diese hier in den falschen Hals kriegt und Wordpest den Laden abschießt, werden Fans, Groupies und interessierte Mitlechzer hier weitere Informationen erhalten:

    https://543579.forumromanum.com/member/forum/forum.php?action=std_tindex&USER=user_543579&threadid=4

    So von wegen Spieglein, Spieglein und so…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.