Der Schokoladenonkel macht die Opferrolle vorwärts

Der am vergangenen Mittwoch verstorbene, große „antideutsche“ Ätz- und Querkopf Wiglaf Droste wird hier noch an anderer Stelle etwas eingehender gewürdigt werden. Vorab sein herausragendes Elaborat „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“ oder „Eine Opferrolle vorwärts“, mit dem er sich damals in den frühen 90ern dem ersten aus Uncle Sams Sexualhölle herüberschwappenden Hysterie-Tsunami entgegenstellte, wofür er vom moralpanischen Mob heftig und teilweise körperlich attackiert wurde und sich so seinen Platz in des Erzählers WALHALLA verdient hat, da könnt ihr noch so blöd gucken, ihr Rassetanten und Braun-Pimpfe! Da der Erzähler den Text weder auf Papier vorliegen noch per Websuche gefunden hat, erstellte er in aller Demut eine Mitschrift dieser Aufzeichnung:

Der Schokoladenonkel bei der Arbeit – eine Opferrolle vorwärts

„Kreuzberg ist kein Käsekiez, den Käse fraß die Kiezmiliz“ singe ich vor mich hin als ich durch den vielgescholtenen und vielgerühmten Berliner Bezirk stapfe, der aber in erster Linie heruntergekommen bis „stino“ ist, wie sich Leute ausdrücken, die damit bekunden wollen, dass sie auf keinen Fall „stinknormal“ seien, und es unter anderem deswegen natürlich sind. Nein, kein Käsekiez ist Kreuzberg, meine Bekannte, Frau Wagner, sagt tatsächlich jedes Mal „Crossmountain“. Mein Versuch, ein Stück [unverständlich] zu erwerben, das den Höhepunkt seiner Existenz dergestalt erreichen soll, dass es als Zutat in Gisela Güsels Quiche Lorraine endet, schlug fehl, denn dem Kreuzberger wird nur Mampf-Pampf a la Aldi oder Penny gegönnt. „Dönap“, wie meine Mutter sagt, und Schultheiß Dosenbrühe, und es gilt ja auch beim sich selbst als politisch korrekt definierenden Teil der Insassen dieses Stadtteils als zumindest „bürgerlich“ wenn nicht „reaktionär“, bzw. sogar „faschistisch“, sich lecker und nahrhaft zu ernähren, was mich allerdings nicht davon abhält, es zu tun, ohne dass mein Verstand daran Schaden nähme. Wer mich einmal gesehen hat, wird gern glauben, dass ich es durchaus schätze, Erfreulichkeiten in fester und flüssiger Form meine Kehle hinabzujagen. So schnüre ich also, zwar ohne Käse, ansonsten aber bepackt wie ein Vertriebener, durch den Görlitzer Park, als mich plötzlich ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren fragt:

„Gibst du mir eine Mark für Eis?“

„Nein!“ sage ich, denn man soll bettelnden Kindern niemals Geld geben.

„Aber vielleicht eine Mark für Schokolade?“ hakt die Kleine nach und setzt ein schwer kokettes Lächeln auf.

„Wie früh die das lernen“, denke ich und antworte:

„Nein, aber ein Stück Schokolade kannst du haben“, bleibe stehen und wühle in meinem mit Frosch, Schildkröte, Regenbogen und Herzchen buntbedruckten „Schützt unsere Umwelt!“-Leinenbeutel – was erwachsene Menschen alles mit sich machen lassen-, nach der eben gekauften Schokolade, Cabione-Knusperkäfer aus weißer Schokolade, die ich Gisela Güsel mitbringen will, aus Gründen der Verehrung (Klammer auf) Wer Blumen- oder Pralinengeschenke an Frauen für einfallslos, spießig oder bourgeois hält, weiß nichts, aber auch gar nichts von Frauen, jedenfalls nichts von aufregenden (Klammer zu). Endlich finde ich die Schokolade, reiße die Zellophanverpackung auf und biete dem kleinen Mädchen einen der weißen Käfer an.

„Kann ich alle?“

„Nein, nur einen!“

Da blitzt es mir siedend durchs Hirn:

„Ach du Scheiße! Jetzt bist du dran! Jetzt haben sie dich! Das gefundene Fressen für die, schreckliches Wort: „Kiezkamarilla“, die durch die Gegend streift, aufgepeitscht und gierig, auf der Suche nach „Tätern“, gerne auch „Väter als Täter“, oha, jetzt bist du reif. Sie liegen im Gebüsch, die ganze Gegend um den Görlitzer Park ist vermint mit einschlägigen Plakaten und Graffiti, die Situation ist absolut eindeutig: Ich bin der Mann, der dem kleinen Mädchen im Park Schokolade gibt! Einen Schokoladenkäfer sogar, oh Gott, Dürrenmatt, „Das Versprechen“ und „Es geschah am hellichten Tag“, das Gritli, die Igel, Heinz Rühmann, Gert Fröbe und jetzt ICH!

Ich weiß schon, was sie schreiben werden, in der Schweinepresse von „Bild“ bis „Emma“: „Der Michael Jackson vom Görlitzer Park“! A propos „Emma“, ob deren Redakteurin Cornelia Filter das eingefädelt hat? Ex-Bielefelderin wie ich, Spitzname „Körnchen“, zuzutrauen ist es ihr, alternativer Investigativjouralismus, vielleicht noch die eigene Tochter als Lockvogel in den Park schicken, vorher drei Tage lang den Betteltext auswendig lernen lassen, und wenn sie nicht will gibt es Liebesentzug und keinen Nachtisch! Paranoia? Was heißt hier Paranoia? Jedenfalls noch lange nicht, dass sie nicht hinter einem her wären! Dann, endlich, pflückt das Mädchen den Schokokäfer und ich stürze davon, auf meinen schnellen Schuhen, Eis im Genick. Knapp bin ich entkommen, der Park war leer, die Mädels anderweitig unterwegs, Andrew Vachss lesen, Kindern im Vorschulalter beibiegen, wie man richtig mit anatomischen Puppen spielt, was „sexualisiertes Verhalten“ ist, oder wie man sonst sein Langeweilerleben als Erzieherin aufpeppt.

„Junge, du hast nicht etwa Angst vor Frauen?“ spricht eine vertraute Stimme – kein Wunder, es ist ja meine eigene. „Ach, I wo“, gebe ich zurück, „bloß die Schabracken, die im Leben nur noch eins sein wollen, nämlich „Opfer“, und das natürlich im warmen Mief der Gruppe, und die diese superkonservative Attitüde als „schwer fortschrittlich“ juchheissen, und jedem, der, wie beispielsweise Katharina Rutschky, die Benutzung des menschlichen Kopfes in die Debatte zurücktragen möchte, mit Angebervokabular wie „Backlash“ das Leben sauer machen wollen, ja, diese Geschosse des Grauens, die sind allerdings zum Fürchten, die stinken, und die sollen alle nach Hause gehen.“

An dieser Stelle endete meine innere Halluzination und Suada, denn ich musste mein Mikrofonköfferchen in die linke Hand nehmen und zur Probe gehen. Meine Band heißt „The Schänders“ und unser Lieblingsstück heißt „The Kids Are Allright“.

PS:

Wenige Tage später durchquere ich abermals den Görlitzer Park. Vier Schulkinder mit Fahrrädern und Tornistern spielen auf dem Rasen. „Guck mal, wir spielen Ficken!“ rufen sie mir zu. Ich gucke, ach was, glatt gelogen! Die halten bloß Händchen!

„Komm her, wir wollen mit dir bumsen!“ krähen jetzt zwei zu mir herüber. „Da träumt ihr doch nur von!“ rufe ich zurück, winke und gehe meiner Wege, denn ich weiß, dass das eine Falle ist, zwei Mal in sechs Tagen, das ist kein Zufall! Nichts da, „Körnchen“, du kriegst mich nicht! Und meine Schokolade schenke ich Frau Güsel oder esse sie selber!

7 Gedanken zu “Der Schokoladenonkel macht die Opferrolle vorwärts

  1. altrghtcrsdr

    Leberzirrhose, sicherlich ein hinterhältiger Gift-Angriff einer neofaschistischen Untergrundarmee, die es nicht aushalten konnte, dass ein so großartiger, unverkannter Kämpfer gegen Dingens nicht zum Schweigen gebracht werden konnte, wo ihn doch niemand mehr hören wollte.

    Hatte Herrn Droste in den frühen 2000ern in Gießen auf einer Lesung konfrontiert, ihn nur mal auf seine widersprüchlichen Aussagen aufmerksam gemacht. Er wollte sich dann auf keine Diskussion einlassen und sagte, solche Themen seien jetzt nicht akut oder so.
    Schon damals wirkte er ziemlich abgekämpft. Dass er dann noch so viele Jahre durchhielt grenzt an ein Wunder.

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  2. altrghtcrsdr

    Auch nicht zu vergessen:

    „IN DEUTSCHLAND LEBEN
    HEIßT
    KNIETIEF IN KOT WATEN“

    So war er drauf, der Schokoonkel.

    Nicht 2015, 2019

    NEIN: 1997

    Zitat aus dem Gedächtnis:

    Zeit-Magazin

    Da guggt Ihr blöd, Ihr Nahtsieschweine.

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