Vom Kanalratten-Ersäufen (Update)

Die ausweglose Umstellung des Menschen ist seit langem vorbereitet, und zwar durch Theorien, die eine logische und lückenlose Welterklärung anstreben und mit der technischen Entwicklung Hand in Hand gehen. Es kommt zunächst zur rationalen, sodann auch zur gesellschaftlichen Umkreisung des Gegners; dem schließt sich zur gegebenen Stunde die Ausrottung an. Es gibt kein hoffnungsloseres Schicksal, als in einen solchen Ablauf zu geraten, in dem das Recht zur Waffe geworden ist.

 Ernst Jünger, „Der Waldgang“

Alles im Frame: zivilgesellschaftliche Ungezieferbekämpfung (PEGIDA Frankfurt 2015)

Während das närrische Treiben wieder mal seiner Klimax entgegentaumelt, notiert der Erzähler nüchtern und demütig in seine Kladde:

Jegliche Verkleidung als Nichtweißer sollte unterbunden werden: Baströckchen, Blackfacing, Indianerkostüm und Federschmuck bedienten rassistische Stereotype.

Witze über Frauen, insbesondere über deren Doppelnamen, seien alles andere als witzig, das gleiche gelte für lustig gemeinte Sprüche über „intersexuelle Männer“ – die Gedunsene hätte das Fettnäpfchen, in das die Annegrett getappt sei, elegant überflogen: „Das wäre Merkel nicht passiert“ (stand irgendwo) und überhaupt sei latürnich jetzt eine Entschuldigung fällig:


Nach dem Fastnachts-Witz von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Stockacher Narrengericht über Toiletten für intergeschlechtliche Menschen hat der Bundesverband Lesben und Schwule in der Union (LSU) eine Entschuldigung gefordert. „Natürlich ist eine Entschuldigung fällig“, sagte der Verbandsvorsitzende Alexander Vogt am Montag im Radioprogramm „SWR Aktuell“. „Das erwarten wir.“ Auch im Karneval gebe es Grenzen.
„Political Correctness hin oder her, manche finden das ja übertrieben“, sagte Vogt. „Aber solche Grenzen müssen klar sein. Man macht ja auch über andere Minderheiten keine Witze mehr.“ Dass Kramp-Karrenbauer wohl nicht aus böser Absicht handelte, mache die Sache nicht besser. „Wenn das unüberlegt passiert, ist es ja auch ein Zeichen dafür, wie es landläufig verbreitet ist, dieses Denken.“

Er erwarte nun, dass es ein klärendes Gespräch mit der CDU-Chefin gebe, sagte Vogt: „Ich hoffe, dass wir das Angebot bekommen, uns darüber möglichst vor einem kurzen Zeithorizont zu unterhalten.
Die CDU-Chefin hatte bei ihrem Auftritt vor dem Stockacher Narrengericht am vergangenen Donnerstag gesagt, Toiletten für intergeschlechtliche Menschen seien „für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.“

(AFP)

Und während man noch überlecht, ob jetzt die Annegrett als, je nach Gusto, gute oder schlechte Bullin „für extra“ die flauen Witzchen über sexuelle Minderheiten gerissen hat, nur dass man anhand dieser Vorlage die Fesseln der Sprachdiktate noch enger anziehen kann, wird dankenswerter Weise an anderer Stelle gezeigt, was stattdessen „geht“, wenn es nicht sogar erwünscht und verlangt ist: Mainz sang und lachte unter anderem darüber, dass der Trump eine „widerliche Person“ sei, die wie eine Kanalratte ersäuft gehöre, ohne dass da jetzt von Seiten der üblichen Verdächtigen die übliche Moralempörung losgebrochen wäre! Ist ja auch logisch, schließlich ist das ja, zum einen, auch nicht einmal mehr im Ansatz ein Witz, sondern ein mit der Entmenschlichung des Betreffenden einhergehender Mordaufruf und damit, zum anderen, voll im etablierten Frame, wie hier an anderer Stelle bereits dargelegt:

Ist schließlich auch egal, wie man diese transformatorische Fäulnis nennt, aber „Framing“ findet der Erzähler in seiner Demut wirklich sehr passend, denn es geht offensichtlich nicht nur drum, „die Frames der anderen zu zerstören“ (Wehling) sondern um die Zerstörung der „anderen“ selbst, also derjenigen, die sich außerhalb des von der herrschenden Machtstruktur vorgegebenen Rahmens (Frame) befinden bzw., in korrektem Neusprech, „die sich außerhalb unseres demokratisch-zivilgesellschaftlichen Grundkonsens begeben haben“.

https://chaosfragment.wordpress.com/2019/02/28/kein-fame-fuern-frame/

Und immer, wenn es um die physische Vernichtung von Menschen geht, ist die mit der Entmenschlichung der Betreffenden verbunden, so dass man diese als geradezu zwangsläufige Vorstufe dazu betrachten kann. So wurde in Ruanda die Volksgruppe der Tutsi von locker-flapsigen Radiomoderatoren, also so Elmar Hörig in African-Style, durchgängig als „Kakerlaken“ tituliert und diese Radiojockeys wiesen den häckselnden Machetenmobs auch im weiteren Verlauf den Weg zu den „Brutstätten“ der genannten „Schadinsekten“. Und ja, auch die Ratte ist hier eine bewährte Metapher, wenn wir uns nur an die berüchtigten Sequenzen aus „Der ewige Jude“ erinnern, und die gedunsene Völkermordbeauftragte nennt man ja in den Kreisen ihrer innigsten Verehrer nicht ganz ohne Grund „Rautenratte“, gerne im Verbund mit der Forderung nach einem Standgericht.

Vor diesem Hintergrund ist die Person des dicken Chabad-Golems Donald und was man von ihr hält ziemlich irrelevant. Es zählt, für was und für wen er steht, und das sind eindeutig jene, die sich außerhalb des etablierten Frames befinden, bzw. sich „außerhalb unseres zivilgesellschaftlich-weltoffenen Konsens“ gestellt haben. Ihr wisst schon, was der demütige Erzähler meint: alle Brexit-Anhänger, EU-Gegner und -Kritiker; alle, denen die gegenwärtige Praxis der bedingungslosen Massenimmigration, aus welchem Grund auch immer, nicht behagt; alle als „Rechts“ Gelabelte und Einsortierte. Den auf diese Weise Eingerahmten klebt man ja gerne das Pauschaletikett des Rassisten, Schwul- und Transphoben auf die Stirne. Denn wer erstmal transgenderphob ist, der liebäugelt bestimmt auch schon damit, ein paar Millionen eigenhändig zu vergasen. Und so passt das wieder mal vorzüglich zusammen: Hochgejubelte Empörung und Scheinkontroversen wegen traditioneller Karnevalskostüme und flauer Witzchen hier, fröhliches Abfeiern von mit Entmenschlichung verknüpften Mordaufrufen da. Wie allgemein bekannt sein dürfte, ist der Erzähler kein Freund inflationärer Natziehvergleiche, aber in dem Zusammenhang muss er einfach die Galgenbäume mit daran baumelnden schläfengelockten Puppen am Rande mit erwähnen, die zu Adolfs Zeiten bei den Karnevalsumzügen zum allgemeinen Gaudium aufgefahren wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es, wohlwissend um die Bedeutung der „Entmenschlichung“, unter Satirikern, Karikaturisten u.ä. im allgemeinen als Konsens, dass auf Karikaturen, die die Betreffenden als Tiere oder gar „Ungeziefer“ darstellten, verzichtet wurde. Ausgenommen waren Cartoons in der Art der alten Fabeln, in denen (fast) ALLE Beteiligten Tiere waren, etwa in der Reihe „Die roten Strolche“ in der Titanic, wo das damalige SPD-Führungspersonal (wie auch die übrige Bundestagsbesetzung) als Tierensemble dargestellt wurde, das gegen den „Oberförster“ (wohl eine Anspielung auf Jüngers „Marmorklippen“) Kohl keine Chance hatte. Die despektierliche Darstellung von bestimmten Personen oder gesellschaftlichen Gruppen als Tiere hingegen war dagegen aus gutem Grund verpönt. Mit der Trump-Figur hat sich das geändert, soweit es dem demütigen Erzähler bekannt ist, stellte nicht nur der renommierte Karikaturist Jürgen Haitzinger den Donald in etablierten Blättern schon mal in Affengestalt dar. Was jetzt die Meenzer Hatz von der Bütt betrifft, ist es zudem so, dass Trump nicht direkt als Ratte bezeichnet, sondern in deren Nähe gerückt wird: „wie eine Kanalratte ersäufen“. Ein Mensch ist also „so widerlich“ dass man ihn „wie eine Ratte“ ersäufen sollte -tätää tätää Narrhallamarsch!

Wir halten fest: Hochgetunter Moraljazz wegen Nichtigkeiten auf der einen Seite, beklatschte Entmenschlichung politisch Missliebiger und Mordaufrufe auf der anderen. Wenn es in der herrschenden Machtstruktur wirklich um ein „friedliches Miteinander“ ginge, würde eine Stimmung gefördert, in der sich die Rothaut als Cowboy verkleidet, der Schwarze den Tirolerhut aufsetzt und über Big Bad Whitey lacht, der als Südseeinsulaner mit Knochen im Haar den Hinterlader-Missionar im Kessel kocht. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall, stattdessen wird bei aller Anti-Hass-Hysterie gehetzt ohne Ende und stets eine Latte nachgelegt. Bis zur Vergasung?

Update:

Der Erzähler muss eingestehen, dass er dem oben als Quelle angegebenen Tweet blind glaubte. Tatsächlich stellt sich das ganze etwas differenzierter dar, was aber an der Tendenz insgesamt und den Kernaussagen dieses Artikels nichts ändert. Trump wurde nicht in die Nähe einer Ratte gerückt, sondern direkt als eine solche bezeichnet, das „ersäufen“ ist dagegen eher angedeutet. Hier der Originaltext als Zeugnis deutschen Gegenwartshumors:

Donald Trump, wer will’s bestreiten, der größte Schwindler aller Zeiten! Sadistisch, grausam, primitiv, sexistisch und auch aggressiv. Ein ganz gefährlicher Patron, ‘ne widerwärtige Person. Der Trump der ist nach meiner Kenntnis, für’s weiße Haus ein sehr blamables Missverständnis. Und keiner, keiner bringt ihn zur Räson, die Kanalratte aus Washington.

(Lachen im Saal)

Als George Bush, Sie wissen ja, vor Jahren zu Besuch hier war, hat man in Mainz, zuallermeist, Kanaldeckel all zugeschweißt. Käme Trump zu uns, verlasst euch drauf, wir machen alle Deckel auf. Der müsste durch Mainz fahren, bitte sehr, bis er im Loch verschwunden wäre. Und wenn du aus dem Schacht dann hörst, dass er laut ruft, America first!, dann müssten wir alle vor Entzücken, in jedem Haus die Spülung drücken. Und steht ihm das Wasser bis zum Hals, hach, dann dankt man Mainz, und Rheinland-Pfalz, und im Kanal, die Rattenschar, die hat Besuch aus USA. (swr.de, 1.3.2019)

Von hier: https://www.tichyseinblick.de/meinungen/ueber-den-humor-im-deutschen-tv-2019/

3 Gedanken zu “Vom Kanalratten-Ersäufen (Update)

    1. Wenn man´s genau nimmt wird der Möhnntsch aber eher irrational eigekreist und mindgefukkt, aber egal. Bemerkenswert in dem Zusammenhang ist, dass der AfD-Meuthen und Konsorten die Ungeziefermetaphorik innerhalb der eigenen Partei und deren Umfeld anwenden, z.B. für den „rechten Flügel“ oder „Das Frauenbündnis Kandel“ für die dann der Kammerjäger als zuständig erklärt wird. Also ich seh da keine Hoffnung nirgends, alles im Sack und so.

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