Re-visited: „Wenn der Wind weht“

Beim Nachsinnen über das immer extremere Wetter, das nun schon jedes Jahr ganze Karnevalszüge mit Monsterböen hinwegzufegen droht, erschien auf dem Display von des demütigen Erzählers Assoziationsblaster mit einem Mal der Titel dieses Stücks Trickfilmkunst aus der Endphase des, zu dieser Zeit fast schon aufgetauten, Kalten Krieges, das er damals im „Lichtspieltheater“ gesehen hatte:

Der sehr gut gemachte britische Zeichentrickfilm lässt den demütigen Zuschauer eine atomare Eskalation des kalten Krieges aus der Perspektive von Jim und Hilda, einem älteren Ehepaar, erleben. Das Paar (mit dem man leicht seine Großeltern oder alt gewordenen Eltern assoziieren kann) ist ein etwas idealisiertes Abbild der „kleinen Leute“, die versuchen, sich nach bestem Wissen und Gewissen mit den Umständen zu arrangieren und dabei, obwohl keineswegs dumm, den Weisungen der Regierung und der Sachverständigen vertrauen, was hier, angesichts der Umstände, eine wirklich herzzerreißende Tragik entfaltet. Wie die beiden Leutchen, insbesondere der im Gegensatz zur eher häuslich-alltagsorientierten Linda (aaahrrrghhh, GENDER-STREOTYPE!) politisch interessierte Jim, versuchen, gewissenhaft die Anweisungen der Regierung zum Zivilschutz umzusetzen, ist an tragischer Groteske kaum noch zu überbieten, zumal man sich hier an durchaus ernst gemeinten aber völlig hirnrissigen Leitfäden aus der heißen Phase des kalten Krieges in den 50ern und 60ern orientiert, wie auch im überaus sehenswerten Streifen „The Atomic Cafe“, der aus Zusammenschnitten von US-Kaltkriegs-Atompropaganda und Zivilschutzempfehlungen a la „duck and cover!“ besteht, dargestellt, wobei die britische Regierung desgleichen noch in den 80ern, betitelt mit „Protect And Survive“, unters Volk brachte. Ja, wir sind hier bequem und bemühen zur kompletten Inhaltsangabe Wikipädia, schließlich steht da diesbezüglich nichts falsches drin:

Die Geschichte spielt während eines ungenannten Zeitraums – wohl aber in den 1980er Jahren („der Krieg ist schon 40 Jahre her!“) – im Kalten Krieg in England. Das Rentnerehepaar Hilda und Jim führt ein ruhiges und glückliches Leben am Rande eines Dorfes in der Nähe von London. Ihre Kinder sind längst aus dem Haus und beide sind mit sich selbst und ihren Schrulligkeiten beschäftigt. Jim liest gerne Zeitung und informiert sich über die internationalen Entwicklungen, Hilda kümmert sich um ihr gemeinsames kleines Haus und lässt sich nicht von der mitteilsamen Art ihres Mannes stören.

So lässt es sie auch zunächst kalt, dass sich die Welt auf einen Atomkrieg zubewegt, während Jim streng den Empfehlungen einer „Protect and Survive“-Broschüre Folge leistet. Jim befolgt die Anweisungen der Broschüre, in der erklärt wird, was man im Falle eines Atomschlages an Vorbereitungen zu treffen hat und wie man sich nach Abwurf der Bombe verhalten soll, z. B. auch, wie man sich gegen den radioaktiven Niederschlag schützen kann. Während Hilda in romantischen Erinnerungen an den letzten Krieg schwelgt, baut Jim aus den Türen des Hauses einen „Schutzraum“ und glaubt, durch die gewissenhafte Befolgung aller Ratschläge alles Nötige für ihr Überleben getan zu haben. Beide gehen sehr unbekümmert miteinander um und sehen auch dem Krieg und seinen Folgen gelassen entgegen, insbesondere weil sich beide aufgrund ihrer Erfahrung mit dem letzten Krieg sicher sind, dass sie auch den kommenden schon überstehen werden.

Jim und Hilda haben offensichtlich keine richtige Vorstellung von den Folgen einer Atomexplosion, aus den Ratschlägen der Regierungsbroschüre und den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges hat sich in ihren Köpfen ein merkwürdig verschobenes Bild festgesetzt. Als Jim in einem Telefongespräch mit ihrem Sohn erfährt, dass dieser keinen Schutzraum baut, weil bei einem Atomschlag ohnehin alles verloren sei, ist er ganz aufgebracht und wirft seinem Sohn vor, sich nicht ausreichend um den Schutz seiner Familie zu kümmern. Hilda sorgt sich dagegen vor allem um ihren Haushalt, ständig ermahnt sie Jim, beim Bau seines Selbstschutzraumes nicht die Tapeten und Türen zu beschädigen. Trotzdem lässt sie ihren Mann gewähren, weil er ja Erfahrung in solchen Dingen habe und sie sich mit Politik nicht so gut auskenne wie er.

Als der Atomschlag erfolgt, verstecken sich die beiden in Jims Schutzraum und verbringen die Nacht darin. Am nächsten Tag sind sie noch wohlauf und sehen sich im stark zerstörten Haus um. Während Hilda ans Aufräumen denkt, will Jim auf die in seinem Glauben unweigerlich bald eintreffenden Rettungskräfte warten und auch selbst helfen. Mit einer unglaublichen Naivität reden sie sich selbst ein, dass es bald wieder zur Normalität kommt und realisieren nicht einmal, dass sie die einzigen Überlebenden im weiten Umkreis sind. Es bleibt jedoch offen, ob sie dies nicht vielleicht auch verdrängen, da die beiden zwar mehrfach von ihren Nachbarn sprechen, aber keinen Versuch unternehmen einmal nach ihnen zu sehen.

Es vergehen ein paar Tage, während derer sie versuchen, das Haus zu säubern, ihren verwüsteten und verbrannten Garten besichtigen und ihre Lebensmittelvorräte knapp werden. Das Ehepaar hat schließlich keine Chance, den Folgen der Atombombenexplosion zu entgehen. Wenngleich sie die Explosion überlebt haben, stellen sich rasch deutliche Anzeichen der Strahlenkrankheit auf Grund der Strahlung und des Fallouts ein. Dem Tod nahe, verkriechen sich die beiden wieder in den Schutzraum, immer noch darauf hoffend, gerettet zu werden, und beten.

Dem Erzähler erschien dieser Film lange wie ein überlebter Anachronismus, aber wenn man bedenkt, welche Winde einem zur Zeit um die Nase wehen, dann kann man die Geschichte von dem alten Paar, das besten Wissens und Gewissens den Weisungen der Regierung vertraut und dabei nicht einmal ansatzweise auf den Gedanken kommt, dass diese selbst keinen Plan haben oder gar arglistige Täuschung betreiben könnte, durchaus auch mal losgelöst vom Rahmen des Kalten Krieges betrachten bzw. anderweitig verknüpfen. Weiteres überlässt der Erzähler demütig seinen mündigen Lesern und deren Assoziationsvermögen, ihm ist nämlich gerade in der Erinnerung daran, wie Linda bemerkt, dass ihr die Haare ausfallen, fast das Pipi in die Augen gestiegen. Ehrlich! Ja, auch ein existentialistischer Nihilist ist nur ein Möhööntsch, ihr Nazischweine!

When the Wind Blows is an adaptation of the graphic novel of the same name. It follows an elderly couple as they await rescue following a nuclear blast. It will break your heart, and you should watch it because of this. So do it.

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