Die neue deutsche Messermode I

„Ungezählte Messerattacken“

So titelte das Qualitätsblatt Mannheimer Morgen am 5. Februar dieses Jahres und spielte damit neckisch mit der Erwartungshaltung des rechtsverhetzten Bevölkerungsteiles. Dieser neigt wohl, so wie auch euer demütiger Erzähler, eher dazu, diesen Titel rein quantitativ zu verstehen – die Messerattacken hätten ein solches Ausmaß erreicht, dass man sie schon gar nicht mehr zählen könne! Und das in der Lügenpresse! Natürlich war es aber ganz anders gemeint:

Kaum ein Tag in Deutschland vergeht ohne einen Messerangriff oder eine Messerstecherei. War das schon immer so? Oder nimmt die Zahl der Attacken zu? Auch wenn Polizei und Politik verstärkt darüber diskutieren – belastbare Zahlen gibt es bislang keine. Und so schnell wird sich das auch nicht ändern.

„Ungezählt“ also deshalb, weil noch niemand es geschafft habe, „belastbare Zahlen“ zusammenzuzählen. Man wisse also überhaupt nichts genaues, diskutiere aber trotzdem.

Zwar hat die Innenministerkonferenz (IMK) entschieden, dass die Kriminalstatistik des Bundes künftig Angaben zu Messern als Tatmittel enthalten soll. Die Umsetzung dürfte jedoch noch mehrere Jahre dauern, wie das Bundeskriminalamt (BKA) mitteilte. Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), betonte: „Wir haben gehört, dass es noch bis 2022 dauern soll, aber das halten wir für zu spät.“

Dabei habe die Gewerkschaft der Polizei vor gut einem Jahr „angesichts offenbar zunehmender Messerangriffe“ eine „gesellschaftliche Grundsatzdebatte über wirksame Gegenmaßnahmen“ gefordert, da es, laut Malchow, kaum einen Tag ohne Polizeimeldungen über gefährliche oder sogar tödliche Messerattacken gäbe.

Das Blatt fährt fort:

Nach BKA-Angaben erarbeiten die Gremien der Innenministerkonferenz zurzeit die Leitlinien für die Umsetzung einer statistischen Erfassung von Messerangriffen. Die Kriminalstatistik basiere auf den Datensätzen der einzelnen Bundesländer -„sobald dort eine einheitliche Erfassung sichergestellt ist, können die entsprechenden Daten in die bundesweite Statistik einfließen“, erklärte das BKA. Doch das brauche „aufgrund der erforderlichen Umstellung von technischen Erfassungssystemen in den Bundesländern“ eben noch Zeit.

Und weiter:

„Derzeit kann das BKA keine Aussagen dazu treffen, ob Angriffe mit Messern in Deutschland zunehmen“, heißt es von der Behörde aus Wiesbaden. Befragungen zeigten allerdings einen Trend zum häufigen Messertragen – insbesondere bei Menschen zwischen 14 und 39 Jahren. „Als Gründe für das Mitführen eines Messers werden insbesondere die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, sowie die Orientierung an Männlichkeitsnormen angeführt“ teilt das Bundeskriminalamt zudem mit.

Laut BKA, das sich dabei „auf Studien“ stützt, bleibe der Trend zum Messertragen nicht ohne „Einfluss auf das Gewaltverhalten“: Jugendliche, die ein Messer mit sich führten, hätten demnach ein doppelt so hohes Risiko, Gewalttaten auszuführen, wie Jugendliche, die kein Messer mit sich führten. Das BKA rate deshalb vom Führen jeglicher Art von Waffen, auch von Defensivbewaffnung wie Pfeffersprays und dergleichen, ab. Nachdem noch auf „Beobachtungen“ der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen verwiesen wurde, nach denen sich dort die Messerattacken auf Polizisten häufen würden, schließt der Artikel mit den „großangelegten Messerkontrollen“ der Bundespolizei ab. So gab es in Berlin ein „temporäres Mitführverbot von gefährlichen Werkzeugen“ an insgesamt dreizehn Wochenenden auf einer vielbefahrenen Bahnstrecke im Stadtzentrum. Nach Angaben der Bundespolizei wären mehr als 7500 Menschen kontrolliert worden, bei insgesamt 179 wurden Verstöße gegen das Mitführverbot registriert. Die Polizisten hätten bei ihnen 363 gefährliche Gegenstände sichergestellt – darunter verschiedene Messer, Reizstoffe, Pyrotechnik sowie „potentielle Schlag und Stichgegenstände“, also wohl Schraubendreher, Zimmermannsäxte, Rohr- und Kneifzangen.

Soweit die Qualitätspresse. Alles dabei, nichts vergessen? Oder etwa doch? Dem Erzähler ist es gerade zu doof, ausführlich darzulegen, welche Realitäten hier großzügig ausgeklammert wurden. Man trägt halt mehr Messer heutzutage und da das Messer stechen will, kommt es vielleicht auch zu mehr Messerattacken. Aber wirklich nur vielleicht, denn man wisse ja nicht, ob es tatsächlich mehr sind und bis man das weiß, kann es noch Jahre dauern. Schön, dass man für den Fall, dass sich das Gefühl bestätigen sollte, schon jetzt die passende Erklärung parat hat: Man trägt einfach mehr Messer, und diese neue Messermode fordert eben ihre Opfer. Eine „gesellschaftliche Grundsatzdebatte“, über die „Orientierung an Männlichkeitsnormen“ etwa, unter diesen Vorgaben? Ein schlechter Witz.

Nachtrag: Ein guter Witz dagegen, dass das Qualitätsblatt „Mannheimer Morgen“ in unendlich viele Rubriken zergliedert ist, man darunter aber „Deutschland“ vergeblich sucht. Es gibt also unter anderem mindestens vier Regionalrubriken, „Mannheim“, „Heidelberg“, „Ludwigshafen und Pfalz“, „Metropolregion“, aber keine überregionale Rubrik „Deutschland“, sondern stattdessen gleich „Aus aller Welt“ und da findet man dann den besprochenen Artikel zur neuen deutschen Messermode neben „Millionen Hindus baden an Neumond“, „Lawinentote in Norditalien“ aber auch „Berlin: Vater verletzt Sanitäter“. Schon wieder so eine geschickte Fädelung: Deutschland ist hier bereits in aller Welt aufgelöst.

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