Menasses Tatsachenphantasien


Er schenkte das Glas voll. Trink, sagte er. Die Welt dreht sich weiter. Der Tanz findet jede Nacht statt, auch heute. Gerade und gewundene Wege laufen aufs selbe hinaus; wo du nun einmal hier bist, was zählen da noch die Jahre, seit wir uns nicht mehr gesehen haben? Der Mensch hat ein schwaches Gedächtnis; was geschehen ist, unterscheidet sich nur wenig von dem, was nicht geschehen ist.

Judge Holden in Cormack McCharty, „Blood Meridian/Abendröte im Westen“

Erst kürzlich hat ja der demütige Erzähler seiner erlauchten, elitären Leserschaft den vom ihm überaus geschätzten Alfred Döblin vorgestellt, welcher im frühen zwanzigsten Jahrhundert versuchte, inspiriert durch Dadaismus und Expressionismus, einen neuen literarischen Erzählstil zu kreieren, den er als „Kinostil“ bezeichnete. Sein genialisch-monströser Roman „Wallenstein“ zeichnete sich zudem dadurch aus, dass im Verlauf des Erzählens der Rahmen der Historie verlassen, bzw. in in phantasmagorisch-grotesken Szenarien aufgelöst wird, die dann aber wieder gerade eben dadurch das Ungeheuerliche einer blutig-transformatorischen Epoche wie der des dreißigjährigen Krieges dem Leser vor Augen führen, so wie es etwa ein Mensch dieser Zeit erlebt haben mag, für den sich alles bislang Vertraute im Ungeheuerlichen und Bodenlosen auflöste, in welchem dann sämtliche biblischen und sonstig überlieferten Schrecken reale Gestalt annahmen. In solchen Zeiten werden gemeinhin allerhand Wunderdinge gesehen und erzählt und vielleicht ging ja auch die Kunde davon, dass der Habsburgerherrscher Ferdinand der Zweite seinen Sitz verlassen habe, um als Vagabund durch das Hieronymus-Bosch-Szenario der toten Lebenden und lebenden Toten zu irren und, wie weiland König Gilgamesch, mit einem haarigen Tiermenschen im Wald zu tanzen, so wie bei Döblin beschrieben? „Tatsachenphantasien“ nannte jener das.

Womit wir bei Robert Menasse wären. War Döblin eher tatsächlich Avantgarde, so haben wir es bei Menasse mit einem der vorgeblichen Großintellektuellen zu tun, die tatsächlich nichts anderes als gemästete, fette Maden in Kulturbetrieb und Propandabteilung des Herrschaftsapparats darstellen, sich dabei jedoch spermanent in avantgardistisch-rebellischer Pose inszenieren. Bäh, ekelhaft und daher von eurem demütigen Erzähler bislang gemieden. Nachdem sich die Molasse, äh, der Menasse jedoch gleichfalls auf in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerte Weise als „Tatsachenphantast“ geoutet hat bzw. worden ist, muss leider auch der Erzähler in aller Demut konstatieren, dass er nicht mehr an diesem Schwergewicht vorbeikommt.

Gut, zunächst erschien es dem Erzähler ein büschen viel der Aufregung um den Umstand, dass Melasse, äh, Menasse, in seinem klar als SATIRE ausgewiesenen Roman „Die Hauptstadt“ historische Ereignisse zusammenfabulierte, die so nie stattgefunden und historischen Personen Aussagen in den Mund gelegt hat, die diese nie getätigt hatten, wenn auch im Bezug auf Dinge, an denen sich schon mancher gewaltig die Griffel verbrannt hat.

So ließ der überzeugte obgleich, natürlich, kritische EU-Europäer Menasse im Roman den ersten Vorsitzenden der EU-Kommission, den CDU-Politiker Walter Hallstein, 1958 auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz seine Antrittsrede halten um damit, nach eigener Aussage, aufzuzeigen, wohin der Nationalismus in letzter Konsequenz führe und wie die EU-Kommission das schon 1958, ihrer Zeit weit voraus, erkannt und verinnerlicht habe. So watt, Roman, Satire, döblinsche Tatsachenphantasie also und keine relotorischen falschen Tatsachen, Fall geschlossen.

Leider ist es nicht ganz so einfach. Wie der vom Erzähler ansonsten mitnichten geschätzte FAZke Patrick Bahners in einem für die postfaktische Relotiuspresse recht ordentlichen Artikel dargelegt hat, verhält es sich nämlich dergestalt, dass der Herr Melasse zu diversen Anlässen wiederholt sowohl Fake-Zitate als auch seine „satirischen“ Fake-History-Szenarien dreist als geschichtliche Realität dargestellt hat:

Doch auch bei anderen Gelegenheiten, in nicht-fiktionaler Rede, hat Menasse die Behauptung verbreitet, Hallstein habe 1958 in Auschwitz gesprochen. So am 23. September 2017 im Frankfurter Literaturhaus, laut Protokoll im Branchenmagazin „Buchmarkt“: „Der Ausgangspunkt ist ‚Nie wieder Auschwitz‘. Der erste Vorsitzende der Kommission war Walter Hallstein. Seine Antrittsrede hielt er in Auschwitz. Dass die Europäische Kommission die Antwort auf Auschwitz ist, wird in Deutschland oft vergessen.“

Bahners weiter zu der historischen Dimension der menasseschen Tatsachenphantasterei und einer Journallie, der man wirklich alles erzählen kann:

Walter Hallstein ist bekannt als Erfinder einer Doktrin, mit der die Anerkennung der DDR verhindert werden sollte. Dass mitten im Kalten Krieg dieser erste oberste Beamte des westeuropäischen Staatenbundes seine Antrittsrede auf dem Boden der Volksrepublik Polen gehalten haben könnte, ist viel unwahrscheinlicher als jedes erlogene Augenzeugnis von Claas Relotius. Es ist, nach allen Maßstäben historischen Wissens und historischer Logik, schlicht unmöglich. Aber keiner der Interviewer, denen Menasse das Märchen erzählte, fragte nach.

Zur „Aufdeckung“ der offenen Geschichtslügen brauchte es dann schon einen gestandenen Historiker:

Der Ruhm der Entdeckung, dass Menasse eine Hallstein-Legende in die Welt gesetzt hat, gebührt dem Historiker Heinrich August Winkler. Im „Spiegel“ enthüllte er im Oktober 2017, dass Menasse aus einer tatsächlich gehaltenen Rede Hallsteins mehrfach Sätze zitierte, die dort nicht stehen. Eine Enthüllung, die ohne Resonanz blieb, bis die „Welt“ vor ein paar Tagen auf die Sache zurückkam.

Interessant nun die Reaktion Menasses:

Menasse leugnete die Erfindungen der Zitate nicht und brachte zur Rechtfertigung zwei aberwitzige Argumente vor. Erstens seien die Zitate dem Sinn nach korrekt. „Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.“ Und zweitens sei sein freihändiger Umgang mit Quellen tatsächlich „nicht zulässig – außer man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist“.

Bahners zieht daraus die richtigen Schlüsse:

Aber wenn ein Dichter in einer Rede historische Tatsachen referiert, erwartet man nicht Erdichtetes. Und bei den ausgedachten Hallstein-Sätzen ist das Wörtliche nicht das Geringste. Menasse behauptete nämlich mehrfach, kein Politiker würde sich heute trauen, sie wieder so zu formulieren.

Und folgert weiter, dass Menasse „mit dem Äußersten“ gespielt habe, denn Auschwitz sei eine Tatsache, mit der man nicht spiele – nur um sich darauf in Schwurbelnebel zu hüllen, die Lügen Menasses werden zum „Bluff“ und „die Geschichte von Auschwitz als Gründungsmythos der EU“ erweise sich, äh, bitte anschnallen, „als ein Fall von therapeutisch induzierter wiedergewonnener Erinnerung, deren Fiktionalität in Kauf genommen wird“, puuuh. Menasse sei ob der Vergesslichkeit des „europäischen Volkes“ ob Auschwitz und des Holocaust derart verzweifelt gewesen, dass er aus therapeutischen Gründen zum Geschichtshoax gegriffen habe, um diese Dinge wieder ins Bewusstsein zu rufen.

In der Tat, es fehlen einem die Worte, um auszudrücken, wie „wordy“ und „edgy“ einem Begriffe wie „Bluff“ oder „Hoax“ im Zusammenhang mit Auschwitz erscheinen, man mag es gar nicht mehr weiter denken. Nicht zu reden davon, welch dunklen Honig oder gar schwarze Milch die Geisteskrüppel aus dem Fanclub des Volksleerers oder das von dem selbigen beworbene Altnazi-Gammelfleisch, wie etwa Alfred Schäfchen, Urschel Haberbock oder Gerd Igittner, daraus saugen könnten! All die Heroen der Spackosphäre, die Vitzibutzis, Prostatanten, Franksteins! Die Morgenwächter, welche, wohl im Gegensatz zu Bahners, ihren MacDonald gelesen haben, der ausführlichst die angebliche orientalische Fabulierkunst des Winkelvolkes erörtert hat, dessen mosaischer Geist die Stammesleute dazu befähige, ihre Phantastereien auch tatsächlich zu glauben und daraus praktische Handlungsanweisungen abzuleiten! Wie höre ich sie johlend triumphieren ob eines solchen „Spectre-Moments„!

Als ob das noch nicht gereicht hätte:

»„Was schreibst du da?” fragte der Rabbiner. „Geschichten”, antwortete ich. Er wollte wissen, welche Geschichten: „Wahre Geschichten? Über Menschen, die du kanntest?”. Ja, über Dinge die passierten, oder hätten passieren können. „Aber sie passierten nicht?” Nein, nicht alle. Tatsächlich waren einige davon erfunden vom Anfang bis zum Ende. Der Rabbiner beugte sich nach vorn als nehme er Maß an mir und sagte, mehr traurig als ärgerlich: „Das bedeutet, daß du Lügen schreibst!” Ich antwortete nicht sofort. Das gescholtene Kind in mir hatte nichts zu seiner Verteidigung zu sagen. Dennoch, ich mußte mich rechtfertigen: „Die Dinge liegen nicht so einfach, Rabbiner. Manche Ereignisse geschehen, sind aber nicht wahr. Andere sind wahr, finden aber nie statt”.«

Elie Wiesel in Legends of Our Time, Schocken Books, New York, 1982,

Nachtrag:

Welche Konsequenzen diese Art von „Satire“ und Tatsachenphantasterei haben kann, sieht man am Beispiel von Helmut Kohl, der immer noch als „Talmudjude“ „Enoch Kohn“ durchs Weltnetz geistert, weil so ein Scherzkeks von einem Schreiberling derartiges zum Gegenstand einer Satire, „Der Stellvertreter“, gemacht hat. Und dann kommt irgendein Vitzibutzi-Hobbyjudaistiker mit seiner „Galizischen Liste“ daher und findet darauf den Namen der Mutter des dicken Pfälzers, der auch einen jüdischen Ritualgegenstand bezeichnet, und die Spackosphäre hat Futter. Oder legt es gar jemand genau darauf an?

Ein Gedanke zu “Menasses Tatsachenphantasien

  1. Wie erquickt es doch den mosaischen Geist, Rassekaninchenzüchter und Weltraumcowboy Luzifix beim Denken zuzusehen:^^

    Lucifex / Januar 7, 2019

    Hier auf „Morgenwacht“ oder auch schon früher auf „As der Schwerter“ geprägte und gepflegte Begriffe verbreiten sich offenbar teilweise auch auf der weltanschaulichen Gegenseite. Zum Beispiel der von mir eingeführte Begriff „Spackosphäre“, und zwar ausgerechnet durch Tyrion L. alias B-Mashina auf seinem Blog „Menasses Tatsachenphantasien – Chaosfragment“, von wo anscheinend als Pingbackrückmeldung oder sowas dieser Text in meinem Unerledigt-Ordner erschienen ist (fette Hervorhebung von mir):

    […] In der Tat, es fehlen einem die Worte, um auszudrücken, wie „wordy“ und „edgy“ einem Begriffe wie „Bluff“ oder „Hoax“ im Zusammenhang mit Auschwitz erscheinen, man mag es gar nicht mehr weiter denken. Nicht zu reden davon, welch dunklen Honig oder gar schwarze Milch die Geisteskrüppel aus dem Fanclub des Volksleerers oder das von dem selbigen beworbene Altnazi-Gammelfleisch, wie etwa Alfred Schäfchen, Urschel Haberbock oder Gerd Igittner, daraus saugen könnte! All die Heroen der Spackosphäre, die Vitzibutzis, Prostatanten, Franksteins! Die Morgenwächter, welche, wohl im Gegensatz zu Bahners, ihren MacDonald gelesen haben, der ausführlichst die angebliche orientalische Fabulierkunst des Winkelvolkes erörtert hat, dessen mosaischer Geist die Stammesleute dazu befähige, ihre Phantastereien auch tatsächlich zu glauben und daraus praktische Handlungsanweisungen abzuleiten! Wie höre ich sie johlend triumphieren ob eines solchen „Spectre-Moments„! […]

    Bei der Formulierung „schwarze Milch“ ist mir sofort das Buch „Schwarze Milch – Zurückgehaltene Briefe aus den Todeslagern Transnistriens“ von Benjamin Grilj eingefallen, dem Sohn des mutmaßlich jüdischen „Krone“-Kolumnisten Mathias Grilj, mit dem ich mich in Zum österreichischen Nationalfeiertag: „A Land zum Leb’n“, trotz Patriotismusvernaderern befaßt habe.

    Der Blogname „Menasses Tatsachenphantasien“ ist ein weiteres Indiz für eine zumindest teilweise jüdische Identität von Tyrion L. (oder allermindestens ein Judentum in Geist und Fühlen), denn der Schriftsteller Robert Menasse ist, wie aus dem englischen Wiki-Artikel über ihn hervorgeht, Jude.

    Jedenfalls habe ich den Begriff „Spackosphäre“ jetzt in das obige Glossar aufgenommen.

    https://morgenwacht.wordpress.com/2017/02/17/bullshitsu-hirn-stuxnet-und-sprachtrojaner-glossar-der-von-as-der-schwerter-und-seinen-lesern-gepraegten-begriffe/#comment-6662

    Also mir fiele ja zur Schwarzmilch vor allem Paul Celans „Todesfuge“ ein aber sei´s drum. Und der BLOGNAME hier ist eben nicht „Menasses Tatsachenphantasien“, was wiederum einiges über die Lesekompetenzen im Schwertarsch aussagt. Dafür ist Menasse tatsächlich Jude, weshalb der ARTIKEL „Menasses Tatsachenphantasien“ auch unter „Juden“ kategorisiert ist – Luzifix ist wirklich ein Blitzmerker! Möhnntsch Goyim, was soll nur aus euch werden…^^

    Btw.: Wieso fällt mir grade jetzt der Witz von dem Österreicher ein, der beim Versuch, Weinbergschnecken zu sammeln, resignierend feststellen muss: „Mistviecher! Immer wenn i mi buckn tu – huuuusch huuuusch, scho sans weg!“?? 😀

    Für die Wortschöpfung „Spackosphäre“ möchte ich mich dennoch von Herzen bedanken!

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