Gruppenstrategisches und literarische Schlachtengemälde im Kinostil bei Alfred Döblin

Der nicht völlig undubiose Säulenheilige der neurechten „White Nationalists“ und sonstiger Rassekaninchenzüchter, US-„Evolutionspsychologe“ Kevin MacDonald, hat seine Hypothese über „evolutionäre Gruppenstrategien“ am Beispiel des Judentums ausführlich in seiner damit befassten Trilogie erörtert und dabei stets auf dessen „Scharnierfunktion“ zwischen den Eliten der Mehrheitsgesellschaften und dem einfachen Volk hingewiesen. Juden wurden demnach von den Landesherren gezielt als privilegierte Schicht angesiedelt, bzw. strebten schon von sich aus derartige Nischenpositionen an, in der sie gegenüber der Mehrheitsgesellschaft eine gehobene Position einnehmen konnten, beispielsweise als Geldverleiher oder Verwalter herrschaftlicher Ländereien, inklusive Verfügungsgewalt über die Bediensteten und das einfache Landvolk etc., was aber auch mit sich brachte, dass sie oft neben der Scharnier- auch eine Blitzableiterfunktion einnahmen und durchaus in Bedrängnis geraten konnten, wenn die Herrschaft des Landesherren kippte oder dieser ihnen seine Gunst versagte – eine Ursache für die zahlreichen Vertreibungen, die dem schopenhauerschen Winkelvolk im Lauf der Geschichte  widerfahren sind.

Beim „Occidental Observer“, der Internetpräsenz von Kevin MacDonald, war der Erzähler unlängst im Kommentarbereich auf das „Abstract“ einer wissenschaftlichen Abhandlung einer israelischen Universität zu diesem Themenkreis gestoßen, das ihm von einiger Brisanz zu sein schien. Leider hatte er es versäumt, dieses zu bookmarken oder zu speichern, und konnte, als er das ein paar Tage später nachholen wollte, fraglichen Kommentar mit dem Link dazu einfach nicht mehr finden. In dem Abstract ging es darum, dass eine Gruppe oder Ethnie, die selbst in das Territorium einer anderen eingewandert ist und dort eine Fremdherrschaft etablieren will, gut damit beraten wäre, zur Herrschaftssicherung weitere Fremdethnien hereinzuholen und ihnen eine zwar subordinierte, im Verhältnis zur ursprünglichen Mehrheitsgesellschaft aber privilegierte Rolle zuzuweisen. Das Resultat wäre demnach die Herrschaft einer privilegierten Klasse ehemaliger Einwanderer, eine subordinierte Klasse aus weiteren Einwandern anderer Ethnien, und eine völlig entrechtete Urbevölkerung. Nun, es steht jedem frei, angesichts der momentanen Situation in Deutschland und Europa diesbezüglich seinen eigenen Assoziationsblaster anzuwerfen.

Neben dem aktuellen Bezug kam dem demütigen Erzähler dazu unmittelbar der genialische Roman „Wallenstein“ des zum Katholizismus konvertierten, nach Ansicht des Erzählers völlig unterbewerteten und zu Unrecht fast vergessenen (((Unsichtbaren))) Alfred Döblin in den Sinn. Dieses Werk, das die Zeit des dreißigjährigen Krieges wie einen flirrenden, monströsen Fiebertraum vor dem Leser ausbreitet, in dem die bis dato üblichen Formen und Zwänge des Erzählens ebenso gesprengt werden wie der historische Rahmen, der insbesondere gegen Ende in ein wucherndes phantasmagorisches Pandämonium übergeht, zeigt auf fast schon schmerzhaft-einprägsame Weise am Beispiel der von den Habsburgern geschundenen, rebellisch-ketzerischen Böhmen, wie einem entrechteten Volk in einer Art und Weise, die stark an die eben genannte Siedlungspolitik gemahnt, die ultimative Demütigung verpasst wird. Zunächst militärisch niedergeschlagen, dann mit eiserner Faust kujoniert und ausgepresst, müssen sie zusehen, wie den ihnen verhassten Juden, in die Wege geleitet durch die Initiative des in mancherlei Hinsicht interessanten Jacob Bassevi, freie Handels- und Siedlungsrechte gewährt werden:

Als die Judenschaft Prags eine riesige Summe Geldes dem Kaiser vorgestreckt hatte und ihr durch ein besonderes Gnadenerlass gestattet wurde, sich in Böhmen anzusiedeln auf Märkten Städten Dörfern Flecken, wo sie wollte, um Handel und Gewerbe zu treiben, erzitterte der böhmische Volkskörper, eine weißglutende Stange bohrte sich in sein Fleisch. Dies war der größte Schimpf. Nun sollten sie die Bösewichter und Verbrecher unter sich dulden, deren Nährmutter das böse Schwein war, die mit dem Wucherspieß liefen, die das Kreuz schändeten, denen die Falschheit auf der Stirn stand. Ausgesogen das Land, nun sollten sie sich nicht einmal ruhig in ihrer Bettelarmut hintrollen dürfen. Der Giftmord sollte über den reinen Boden des Märtyrers Johann Huß spreizbeinig spazieren, der Brunnentod. Die Sieger hatten dies getan. Wessen sollten sich unschuldige Säuglinge und Kinder versehen von dem übergegorenen Haß dieser Spinnen, dieser uranfänglichen Malefizer. Oh wie sie sich wanden.

Oh, und wie windet man sich heute bei PiPi-News und sonstwo ob des Islams und seiner „Invasoren“ in ohnmächtiger Wut, andere bleiben dagegen eher Oldschool, auch wenn das Gift nicht mehr im Brunnen sondern in der Kaffeekanne beim Vereinsfest lauert!

Ach ja, Döblin. Er weilte in seinem Exil vor der angeblichen, hüstel, „Nicht-Verfolgung“ länger in den USA, war angetan von Hollywood und Trickfilmen, bezeichnete seine unter anderem vom Dadadaismus beeinflusste Schreibe, mit der er, so wie Dekaden später Leute wie Willam S. Burroughs, bewusst mit den tradierten Erzählformen brechen wollte,  als „Tatsachenphantasie“ und „Kinostil“. Und in der Tat, allein diese Schlachtsequenz aus dem genannten, im Jahr 1920 – also noch in der Stummfilm-Epoche und vor dem Aufstieg Hollywoods – veröffentlichten Werk wirkt zumindest auf den Erzähler lebendiger, als sämtliche fahlen CGI-Gewitter, die Hollywood je auf die Menschheit losgelassen hat:

Zweiundsiebzig Geschütze ließ Gustav auffahren gegen den Wald, in dem die Kaiserlichen lagen. Unter grausem Krachen und Prasseln barsten die Stämme. Als die Feinde eine Insel bei Oberndorf fanden, die schrecklichen Finnen, schwammen sie Trupp auf Trupp wie Wasserratten an. Man schlug einige tot, es kamen neue. Schwedische Kanonen fuhren über einer Brücke auf, die niemand über Nacht hatte entstehen sehen. Ein heulender zähnefletschender lehmwühlender Kampf halb im Wasser, halb auf der Erde fing an. Die Schweden Finnen, es waren keine Menschen. Kaum gab es Tiere, die ihnen glichen, wie sie schlammbedeckt, graubraune Hautfarbe, tangtriefend, armschwenkend sich aus dem Wasser erhoben, krumm anwateten, schluckten, kauten, spritzten, pfiffen. Sie waren so schlecht, so ekel, so totschlagwürdig, daß erst zaghaft die Kaiserlichen, die Bauern auf sie eindrangen, geführt gelockt, dann von dem Grimm und der Scham, dem Entsetzen gerufen geworfen: „Um des Heilands willen!“

Sie schrien zu Hunderten und Tausenden, die Kaiserlichen, auf dem überhöhten Ufer des Lechs, als sie das beispiellose kotige regsame Grauen aus dem Wasser auf sich zukommen sahen. Es gab nicht wenige unter ihnen, die nicht in diesen Augenblicken die blinde Entschlossenheit angewandelt hätte, zu sterben oder diese Unwesen sich aus dem Gedächtnis zu wischen. Sie drangen herab auf die Fratzen.

Mörderisch tobten die Kanonen in ihrem Rücken; Sprengen Klatschen Reißen von stöhnender unterirdischer Gewalt. Aber Tilly auf seinem hochbeinig tanzenden Schimmel irrte zwischen den Fremden und den Kanonen hin und her; träumte , ohne zu wissen was, lachte, wimmerte. Die Fragen seiner Offiziere beantwortete er nicht. Seine bis zur Weiße aufgerissenen Augen wurden immer wieder von den silbernen brabantischen Aufschlägen angezogen an seinem eigenen linken Ärmel. Um diese Aufschläge war ein Geheimnis. Bei jedem Kanonenschuß zuckte er zusammen, duckte sich, sah um sich. Das Wort „Maria“ mahlte er zwischen den Zähnen, während seine Augen suchten auf dieser Holzbrücke, in dem plantschenden Wasser. Wie an einem vom Himmel herabhängenden Faden zog sich seine Sehnsucht und Ratlosigkeit in die dünne Höhe. Ein Dreipfünder, dessen Abschuß er nicht einmal gehört hatte, warf seinen Schimmel um, zerschmetterte ihm selbst den rechten Schenkel über dem Knie. Er dachte und träumte lange nichts.

Ja, da denkt und träumt auch der demütige Leser lange nichts angesichts dieses heulenden zähnefletschenden lehmwühlenden knochenzerschmetternden Wahnsinns! So hätte man immer schreiben können gewollt.

Alle Zitate aus Alfred Döblin, „Wallenstein“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.